Der April 2015 ist geprägt von Festnahmen und Durchsuchungsbefehlen. Neben den X-Men ist auch Steve Rogers in Visier des Staats geraten. Nachts traut sich kaum mehr jemand auf die Straßen, nachdem straffällige Mutanten aus Guantanamo-Bay befreit wurden.
„Hm. Jemand wie Magneto fällt sicherlich unter die Klassifizierung: etwas, woran bisher niemand gedacht hat.“
Bruce fuhr sich übers Kinn.
Dieser klassische ‚wer wenn nicht wie‘-Gedanke bezüglich der Zuständigkeit der Avengers war natürlich sehr subjektiv. Niemand hatte sie beauftragt.
„Schwer zu sagen. Ich weiß nicht genug über die Eagles.“ Ob das daran lag, dass man tatsächlich nichts über diese hörte und nur daran, dass er sich wenig am gesellschaftlichen Leben beteiligte, konnte Bruce nicht sagen.
„Denkst du denn die Regierung würde uns damit beauftragen?“
Bisher hatte das niemand getan.
„Denn ohne das hätten wir wohl dasselbe Problem, wie jetzt die X-Men, oder? Wobei der Andere ohnehin nicht sonderlich gut im Gefangen machen ist.“
Bruce dachte weniger an das Rampenlicht, als an ganz konkrete Schwierigkeiten, die eine Einmischung bedeuten könnte. Zudem sah er natürlich überdeutlich die Probleme, die der Hulk in einem Kampf mit der Brotherhood produzieren würde. Der Hulk war nun einmal der Inbegriff des wandelnden Kollateralschadens! Deshalb würde Bruce, wenn er eine alte Frau sah, die gerade bestohlen wurde, eher ‚Haltet den Dieb!‘ rufen, als sich tatschlich auf den Dieb zu stürzen und einen Hulk-out zu riskieren.
Bruce lächelte leicht, als Natasha die Augen verdrehte. Irgendwie freute es ihn, dass sie ähnlich wenig vom amerikanischen Traum hielt, wie er selbst. Er zuckte etwas hilflos mit den Achseln.
„Ich sehe auch nur, dass es so passiert… Verstehen tue ich es genauso wenig wie du.“
Nein, er konnte nicht erklären, weshalb sich Menschen so verhielten. Weshalb sie einem Traum nachhingen, der sich für nur einen verschwindet geringen Anteil tatsächlich erfüllte und dennoch mit Inbrunst an eben diesen Traum glaubten, sich regelrecht daran klammerten. Vielleicht mussten sie das tun, um ihr Leben erträglicher zu machen?
Bruce war froh, dass Natasha nicht allzu direkt auf seine Worte einging. Stattdessen blieb sie ihrer Linie treu und machte noch einmal deutlich, dass sie nicht untätig bleiben wollte und der Meinung war, dass auch der Rest der Avengers nicht untätig bleiben sollte.
Dass sie jetzt doch von den Gefahren eines Bürgerkriegs sprach, ließ ihn leicht die Stirn runzeln. Hatte sie ihm diese Überlegung nicht vorhin noch auszureden versucht? Oder hatte er sie da nur falsch verstanden?
„Wären wir damit nicht zurück bei dem Problem, das ich gerade angesprochen habe?“
Gerade um ihre Eigenständigkeit zu behalten, waren die Avengers nicht mehr mit SHIELD verbandelt. Allerdings limitierte sie das auch in ihren Möglichkeiten.
„Sollte es uns tatsächlich gelingen Mitglieder der Brotherhood zu ergreifen, wem sollten wir sie übergeben?“
Denn eine Befugnis sie festzuhalten hatten die Avengers ebenso wenig wie die X-Men.
„Wobei, wenn wir sie in einen Kampf mit dem Anden locken, erübrigt sich das Ergreifen vermutlich von ganz allein.“ Bruce seufzte.
Ob man die Brotherhood überhaupt in einen Kampf mit dem Hulk locken konnte? Das klappte vermutlich nur ein einziges Mal. Und die Brotherhood hatte jemanden, der teleportieren konnte…
Verdammt. Natasha hatte Recht! Ungeahnt aller Probleme, die es mit sich brachte, sah es wirklich nach einer Aufgabe für die Avengers aus. Andererseits…
„Dann sind da allerdings auch noch die von dir erwähnten Experimente und Gefängnisse. Ist das tatsächlich die Seite auf die wir uns schlagen sollten? Denn das müssten wir, wenn wir eventuelle Gefangene jemandem übergeben wollen.“
Angesichts seiner Erfahrungen als ‚durch das Militär Gejagter‘ gefiel Bruce dieser Gedanke ganz und gar nicht.
*in den Arm nehm*
Ich wünsche dir, dass du möglichst schnell und unkompliziert durch kommst. *Daumen drück*
So, hab Testergebnis bekommen. Bin covid positiv. 😔
*in den Arm nehm*
So ein Scheiß. Ich wünsche dir, dass du möglichst gut durch kommst.
*Daumen drück*
Den Punkt mit dem Feindbild konnte Bruce nur schwer beurteilen. Er konnte nur hoffen, dass Natasha Recht hatte. Bruce nahm einfach nicht genug am tatsächlichen gesellschaftlichen Leben teil, um zu bewerten, was die Leute wirklich dachten. Und dass die Medien – insbesondere die pro republikanischen – die Mutanten als gewaltige Bedrohung darstellten, um die Registrierung zu rechtfertigen, war keinesfalls verwunderlich.
Bruce runzelte nachdenklich die Stirn.
„Oh, da denkst du bereits weiter, als ich“, gab er zu, denn die Fragen, die er sich stellte unterschieden sich deutlich von ihren.
Er war in Gedanken noch bei der Frage gewesen, wie man in diesem Fall dem Hulk klar machen sollte, wen er anzugreifen hatte und wen eben nicht. Allerdings störte es Bruce ganz und gar nicht von ihr auf andere Gedanken gebracht zu werden und das Problem weniger einseitig betrachten, als er selbst.
„Nun, nein… eigentlich nicht. Die Avengers sind ja keine Gesetzeshüter, sondern eher eine Eingreiftruppe für Situationen an die bisher niemand gedacht hat. Welcher Staat hat schon Gesetze gegen eine Alien Invasion?“
Zugegeben, er wusste es nicht, doch konnte Bruce sich vorstellen, dass nur sehr wenige Staaten daran gedacht hatten. Gut, inzwischen vielleicht schon.
„Auch habe zumindest ich niemals irgendeinen Eid abgelegt, oder bin auf gewisse Prinzipen eingeschworen worden, wie man es von einem Gesetzeshüter oder generell Staatsdiener erwarten würde.“ Er zuckte mit den Schultern. „Als SHIELD Agentin ist das sicher schwieriger.“ Natasha hatte mit Sicherheit irgendeine Form von Eid abgelegt, der sie jetzt in ein moralisches Dilemma stürzen konnte.
Dazu, dass andere Staaten schon immer potentielle Gefährder durch Formen der Registrierung im Auge behalten hatten, ebenso wie SHIELD und andere Geheimdienste, nickte Bruce.
„Das ist richtig, nur wusste die Öffentlichkeit es nicht und alle konnten sich im amerikanischen Traum sonnen und all jene Staaten verachten, die diese Art von Kontrolle ihrer Bevölkerung benötigen.“
Sein Vater – ein gestandener Republikaner – hatte es so gesehen und voller Verachtung verlauten lassen, dass nur jene Staaten ihre Bevölkerung kontrollierten, die von Liberalen und Sozialisten regiert wurden. Sicherlich war nicht jeder Amerikaner so radikaler in seinen Ansichten wie Bruce‘ Vater, dennoch sahen viele die Einmischung des Staates in das Leben der Bürger, als etwas Negatives an. Deshalb hatten es die Demokraten ja auch so schwer, selbst wenn es um so etwas Sinnvolles wie Krankenversicherung ging. Gestandenen Kapitalisten gefiel es nie, wenn sie etwas von ihrem Geld, in die Gemeinschaft stecken sollten, wo es mehr als nur ihnen selbst zu Gute kam.
„Natürlich hätte man es nur dann geheim halten können, wenn man es ebenfalls vor den Mutanten selbst geheim gehalten hätte, doch dann hätten sich die Leute darüber aufregt, die Regierung tue nichts gegen diese Plage.“ Was am Ende schlimmer gewesen wäre, ließ sich schlecht einschätzen.
Auf die Frage, was man mit den wirklich gefährlichen Mutanten machen sollte, schwieg Burce einen Moment. Er konnte in diesem Punkt kaum objektiv sein, immerhin war er durch den Anderen ebenfalls als massiv gefährlich eingestuft.
„Das kann auch ich dir nicht beantworten“, sagte er daher ehrlich. „Ich verstehe, dass ein Blockieren ihrer Kräfte notwendig ist, um sie zu überwältigen. Auch kommt ein konventionelles Gefängnis nicht in Frage… außer man blockiert ihre Fähigkeiten dauerhaft. Allerdings…“ Er seufzte unentschlossen. „Es hat seine Gründe weshalb man in den meisten Längen inzwischen dazu übergegangen ist Dieben nicht mehr die Hand ab zu haken. Ein Bürger dem durch den Staat Gewalt angetan wurde, lässt sich nur schwer wieder in die Gesellschaft integrieren. Wenn die Reintegration denn das Ziel ist.“
Etwas dessen Bruce sich nicht sicher war. Sowohl ob dies das Ziel war, als auch ob es erreichbar war. Insbesondere bei den ‚wirklichen Gefahren‘, wie Natasha sie nannte.
„Bei der Brotherhood bin ich mir nicht einmal sicher, ob eine Reintegration möglich ist. Bei jemandem wie Magneto bezweifle ich es.“ Er fuhr sich mit der Hand übers Gesicht. „Du weißt, ich halte nichts von dem Käfig, den SHIELD für den Anderen gebaut hat. Ich halte an sich auch nichts von der Todesstrafe, sehe aber ein, dass bei manchen Verbrechen schwerlich ein anderes Strafmaß in Frage kommt.“
Jemanden, der keinen Wert im Leben anderer sah, konnte man nicht in die Gesellschaft integrieren. Allerdings sahen die Mutanten der Brotherhood mit Sicherheit Wert im Leben anderer Mutanten… nur eben nicht in dem von Menschen. Auch hatten ihre Anschläge gezeigt, dass sie durchaus bereit waren den Tod anderer Mutanten, als Kollateralschaden hin zu nehmen. So war das eben bei Terror.
Bruce nickte langsam. Er war kein Träger des X-Gens, dennoch fiel er unter der Registrierungsgesetz. Also saß er mit den Mutanten in einem Boot. Er konnte sich zwar nicht vorstellen, dass jemand der seine mutations-bedingten Fähigkeiten loswerden wollte im X-Institut würde leben wollen, aber vielleicht irrte er sich ja. Und selbst wenn nicht, so erhielten ja vielleicht auch diese Leute im X-Institut Hilfe, selbst wenn sie danach wieder gingen. Beiden Seiten – der die ihre Andersartigkeit loswerden wollen und der, die Andersartigkeit als ihre persönliche Normalität akzeptierten – gleichermaßen gerecht zu werden, war sicherlich nicht einfach.
„Ich werde darüber nachdenken“, versprach er sich nachdenklich das Kinn reibend.
Er könnte sich zumindest auf ein Gespräch einlassen. Sollte es nicht so laufen, wie er es sich vorstelle, konnte er ja immer noch die Beine in die Hand nehmen und das X-Institut nie wieder betreten. Doch bevor er die Leute dort verurteilte, sollte er erst einmal herausfinden, ob sie wirklich so dachten und handelten, wie er annahm.
Er nickte nachdenklich auf Natashas Vermutungen Rogers betreffend. Ihre Analyse klang trotz der mangelnden Informationen sehr akkurat. Schon damals auf dem Helicarrier hatte Rogers lieber selbst angepackt, als auf Tonys Datenanalyse zu warten. Er war ein Mann der Tat – ganz anders als Bruce. Und tatsächlich Tony in vielem ähnlicher, als die beiden jemals zugeben – oder sich selbst überhaupt erst einmal eingestehen – würden. Vielleicht gerieten sie deshalb so häufig aneinander.
Die Frage zu den Avengers riss ihn aus seinen Gedankengängen.
„Alle“, antwortete Bruce sofort.
„Die Avengers werden nur gerade nicht gebraucht“, behauptete er. „Denn – auch wenn einige Leute es so darstellen – diese Geschichte mit dem X-Gen ist keine Alien Invasion. Diese Leute sind…“ er stockte kurz und wedelte etwas fahrig mit der Hand. „Unsere Eltern, Geschwister, Kinder, Freunde, Nachbarn, Bekannte…? Das sind keine feindlichen Invasoren. Das sind… wir.“ Und gerade das gab dem Ganzen eine völlig neue Dimension.
„Die Avengers sind dafür gedacht einen Feind zu bekämpfen, nur wer ist das in diesem Fall?“
Nun ganz so schlimm war es nicht. Etwas mehr als nur einen Laborplatz nahm Burce schon von Tony an. Die Ressourcen von Stark Industries waren einfach zu nützlich, um sie abzulehnen. Und Bruce war ja nicht dumm – im Gegenteil -, er hatte lediglich einen einzigartigen Blick auf die Welt, den nur wenige nachvollziehen konnten. Wie auch? Es lag nicht an seinem Intellekt, sondern seiner verkorksten Kindheit und über die wusste kaum jemand Bescheid.
Objektiv betrachtet, hatte Natasha natürlich Recht: alle seine Befürchtungen waren Ausreden. Allerdings sah Bruce es nicht objektiv. Aus seiner rein subjektiven Sichtweise waren es keinesfalls Ausreden, es war eine logisch durchdachte Risikoabschätzung. Sich Hilfe zu suchen, war schon einmal auf katastrophale Weise schief gelaufen. Der Schaden den der Kampf zwischen dem Hulk und Abomination verursacht hatte… Nein, so etwas durfte nie wieder passieren! Doch was wenn ihm derselbe Fehler noch einmal unterlief? Das Risiko dafür war einfach zu groß.
Dabei ignorierte Bruce natürlich völlig den Fakt, dass nicht er Abomination erschaffen hatte, das war das Militär gewesen. Sie waren trotz des Fiaskos mit den Hulk das Risiko erneut eingegangen. Doch das sah Bruce nicht. Er sah nur, dass Abomination ebenso aus seiner Forschung hervorgegangen war, wie der Hulk. Generell neigte Bruce dazu die Verantwortung anderer zu ignorieren und alle Schuld auf sich zu laden, sobald er nur irgendwie in eine Sache verwickelt war. Was wiederrum zu seinen Bemühungen führte, in möglichst wenig Dinge verwickelt zu werden und auch möglichst wenig andere in sein Leben zu verwickeln, um niemanden ins Unglück zu stützen.
„Mhm.“ Bruce nickte langsam, denn im Prinzip hatte Natasha Recht. Das Mehr-Augen-Prinzip war eine großartige Sache und natürlich gab es in der Wissenschaft immer auch Rückschläge. Nicht das alle wissenschaftlichen Erkenntnisse mit fürchterlichen Folgen immer als Rückschläge gewertet worden wären. Allerdings gab es doch einen Punkt, den Bruce daran problematisch sah.
„Ein Team, das dieselben Ziele verfolgt“, widerholte er. „Das ist der Knackpunkt, nicht wahr? Mir ist noch niemand begegnet, der dasselbe Ziel in Bezug auf den Anderen verfolgt, wie ich“, gab Bruce ernst zu bedenken.
„Meinst du wirklich die Leute vom X-Institut, die jungen Menschen dabei halfen ihre Andersartigkeit zu akzeptieren, mir dabei helfen werden meine Andersartigkeit loszuwerden?“
Seinen Vorurteilen nach nein. Sicher könnte er sich natürlich erst sein, wenn er mit ihnen gesprochen hatte. Was er wegen seiner Vorurteile nicht einmal versuchen wollte. Das war nicht nur eine Ausrede, sondern ein selbst gemachter Teufelskreis.
Auf Natashas vorwurfsvolle Worte nickte Bruce leicht.
„Du und Clint wärt sicher weniger aufgefallen“, stimmte er zu. „Der Rest von uns ist ja doch eher… auffällig.“
Das traf nicht nur auf Steve zu, sondern auch auf Tony… auf Thor sowieso und vom Hulk musste man gar nicht erst reden.
„Warum glaubt du, hat Steve nicht vorher mit uns geredet?“ Bruce runzelte nachdenklich die Stirn. „Denkst du er wollte daraus keine Sache der Avengers machen? Das könnte ich mir zumindest vorstellen“, fügte er hinzu.
Der Andere und auch Thor waren schlicht ungeeignet für einen derartigen gesellschaftlichen Konflikt. Als sie die Experimente ansprach, nickte Bruce mit düsterer Miene.
„Fragt sich nur, ob sich das jetzt ändern wird.“
Und ob das weit weg wirklich noch eine Rolle spielt… bei Mutanten, die sich munter durch die Gegend teleportieren konnten. Bruce wüsste zu gern wie das funktionierte. Sicher, er hatte da ein paar Theorien, aber…
Vielleicht würde sich tatsächlich lohnen mal ein Gespräch mit Leuten aus dem X-Institut zu führen. Schon allein aus wissenschaftlicher Neugier.
Bruce seufzte leicht, als Natasha bestätigte, was auch er bereits ahnte: sie konnten nichts für Steve tun. Dazu müssten sie ihn ja erst einmal finden. Vielleicht war es besser sich nicht einzumischen… auch wenn es sich in diesem Fall seltsam falsch anfühlte.
Zum Glück warf Natasha einen anderen Gedankengang auf: die verschiedenen Meinungen zu Mutanten, die Tony und Steve in der Öffentlichkeit vertraten.
„Ja.“ Er kratzte sich am Kinn. „Darüber hatte ich mir ziemlich große Sorgen gemacht, aber jetzt ist das eher zweitrangig.“
Dennoch fragte er sich, ob die beiden sich jemals einig werden würden. Bruce selbst hatte es ja lieber, wenn sich alle vertrugen, doch ihm war bewusst, dass das nur sehr selten der Fall war und eine Meinungsverschiedenheit auch nicht unbedingt das Ende einer Freundschaft bedeutete. Er hoffte inständig, dass das auch bei Steve und Tony so war.
Keine Einwände. Werde mir dann mal einen Discord Account erstellen. ^^
Die Bereitschaft war auf jeden Fall da. Leo wollte einen Weg finden. Umso mehr, da ihm immer wieder selbst auffiel wie sehr ihn seine erlernten Verhaltensweisen von zwischenmenschlichen Kontakten ausschlossen. Das war nicht immer schlimm, denn er musste nicht mit absolut jedem befreundet sein. Schlimm wurde es nur, wenn er eigentlich wollte sich allerdings selbst im Weg stand.
Leo kaute auf seiner Unterlippe und spielte nervös mit seinen Fingern, während er wartete. Was Shen wohl dazu sagen würde? Nun, als sie dann etwas sagte, sah er sie einen Moment lang überrascht an, ehe er lächelte. Die Erleichterung über ihr Verständnis durchflutete ihn förmlich. Es war so angenehm, dass sie all seine Macken einfach so hinnahm und ihm zu helfen versuchte.
Leo legte nachdenklich den Kopf schief.
„Bestimmt.“ Er gab für die meisten Dinge Metaphern und Umschreibungen. „Ich muss darüber nachdenken.“
Einfach aus dem Ärmel schütteln konnte er solche Metaphern nicht. Auch war er sich nicht sicher, wie gut das klappen würde, wenn er in der Visualisierung vergaß, dass es nicht die Realität war. In dem Fall könnte er sich immer noch um Kopf und Kragen reden.
„Ich höre mir gern alle Techniken an“, meinte Leo sofort. „Alles was helfen kann. Dank für das Angebot.“
Ooc: Ich denke an dieser Stelle können wir es beenden, was meinst du?
Dass Jakes Pizza-Trick bei den Schülern des Instituts – die offenbar alle einen Faible für Geselligkeit hatten – klappe, konnte Leo sich lebhaft vorstellen. Vielleicht hätte das auch bei ihm gefruchtet, wenn er hätte hier bleiben wollen. Gerade jetzt wollte Leo allerdings nur weg und es gab kaum etwas, das ihn mehr stresste, als einer unangenehmen Situation nicht entfliehen zu können, oder sich gegen seinen Willen irgendwo aufhalten zu müssen. Der Drang wegzulaufen zerrte förmlich an ihm.
Jakes Scherz darüber wie fies es sei, dass sie seinen tollen Trick ruinierten, entlockte ihm nur ein recht unsicheres, kurzes Lächeln. Ironischerweise schien sich Bobby ebenso unwohl zu fühlen und Jakes Seitenhieb ließ den X-Men förmlich in sich zusammensinken, während Leo lediglich etwas peinlich berührt drein schaute. Er war andere Arten von Seitenhieben gewohnt – ganz andere.
Als Jake davon sprach nicht im Streit auseinander zu gehen, runzelte Leo die Stirn. Hatten sie gestritten? Nicht wirklich. Bobby hatte ihn angemacht und dann in eine Wand aus Schweigen rennen lassen. Also was sollte er denn sagen? Dass er den Grund nicht kannte, weil Bobby sich ihm gegenüber nicht hatte erklären wollen? Nein, da schwieg er lieber.
Zumindest schien Jake einzusehen, dass er Leo nicht zwingen konnte. Das beruhigte ihn zumindest ein wenig, denn er wollte wirklich nicht länger hier bleiben. Und schon gar keine lange Diskussion über die letzten Ereignisse führen. Er nickte leicht, als Jake sich als neutrale Instanz anbot.
„Lieber später“, nuschelte er, selbst hin und hergerissen, ob er das wirklich ernst meinte.
Es war ja nicht so, dass er ein Problem mit Bobby hatte, dass man durch ein Gespräch lösen konnte – zumindest sah Leo es nicht so. Er hatte ein Problem mit der Situation, also wollte er raus aus der Situation. Eigentlich ganz einfach, doch Jake wollte ihn offenbar wirklich nicht gehen lassen. Anstatt Leo seine Flucht zu lassen, erklärte er entschieden, dass Leo hier weiterhin willkommen war und Jake keinen der beiden als Feind betrachtete.
Leo klappte der Mund auf. Er wusste nicht, was er darauf sagen sollte. Er hatte Abstand aufbauen wollen und Jake hatte das einfach so beiseite gewischt. Jetzt fühlte Leo sich entwaffnet.
Er wollte Jake glauben und doch… waren es nur Worte. Leo hatte bereits sehr früh – auf die harte Tour – gelernt, dass man auf Worte nicht vertrauen konnte. Nur Taten zählten, denn sie legten den Charakter offen, wie Worte es niemals konnten! Allerdings musste er zugeben, dass Jakes Bilanz was das betraf alles andere als schlecht war. Bisher hatte er Leo keinen Grund gegeben ihm zu misstrauen. Auch hatte Jake bisher nichts getan, dass dafür spräche, dass er Leo nicht mochte. Also… Vielleicht musste er ja doch nicht davon laufen? Leo trat unsicher von einem Bein aufs andere.
„Ich denke schon… ja“, antwortete er um einiges unsicherer als Bobby es zuvor getan hatte.
Jakes nächster Vorschlag zur Konfliktbewältigung sorgte dafür, dass Leo die Augen aufriss und bereits anfing den Kopf zu schütteln, ehe er sich dessen bewusst war. Er atmete gestresst und schaute Jake erschrocken an.
Seine Mutation nutzen um sich abzureagieren? Und dann auch noch zulassen müssen, dass Bobby an dem von ihm erzeugten Regen herumfuhrwerkte? Nein! Das war zu viel verlangt. Auf Leos Gesicht zeichnete sich Unwille ab, doch noch ehe er etwas sagen konnte, ergriff Bobby das Wort. Wieder klappte Leo der Mund auf.
Jetzt war er endgültig verwirrt. Er hatte fest damit gerechnet, dass zumindest Bobby ihn in Richtung Ausgang deuten würde, weil er ihn eh nicht hier haben wollte. Stattdessen nahm er nun plötzlich die Schuld auf sich und erklärte sich… Jake gegenüber. Mit ihm sprach er immer noch nicht, dafür über ihn. Oh, wie Leo es hasste, wenn Leute das taten! Wenn sie ihn behandelten, als wäre er nicht da.
Erinnerungen an Henry und Taylor stiegen in ihm auf und Leo spürte deutlich, wie sich erneut Ärger als eine unangenehme Hitze in seiner Magengrube breit machte. Er atmete ein paar Mal tief durch und ballte kurz die Fäuste, während er die unangenehmen Erinnerungen nieder kämpfte.
Er kennt dich nicht. Er hat keine Ahnung. Es bringt nichts wütend auf ihn zu sein, wiederholte er mantraartig in Gedanken.
Dann wurde ihm klar, dass nun wohl auch von ihm eine Reaktion erwartet wurde und er sah zwischen den beiden hin und her.
„Ja, mein Dad arbeitet für S.H.I.E.L.D., aber damit weiß ich noch lange nicht, was dieser riesige Geheimdienst so alles treiben.“
Er klang aufgebracht. Seine Fähigkeit sprang zwar nicht an, doch er hatte noch immer die Hände zu Fäusten geballt.
„Ich sehe keinen Grund noch länger darüber zu reden. Ich werde jetzt gehen!“ Damit drehte Leo sich um und ging. Vermutlich in die völlig falsche Richtung, aber das war ihm gerade herzlich egal. Es reichte. Leo hatte genug. Wenn er jetzt nicht ging, passierte eventuell doch noch etwas, dass er später bereuen würde – also noch mehr als die Gewitterwolke. Da konnte Jake noch so nett sein. Kaum dass er den beiden den Rücken zugewandt hatte, beschleunigten sich seine Schritte. Er musste hier weg. Er brauchte Anstand, dringend!
Als Seth erklärte, er habe keine weiteren Ideen, nickte Carrie. Es bestärkte sie nur in dem Entschluss das Fass um HYDRA nicht vor ihm auf zu machen. Was er über Rogers sagte, war somit ein willkommenes Thema.
„Mit ziemlicher Sicherheit würde er das. Ist wohl wirklich besser, dass keine Seite ihn in den Zeugenstand rufen kann“, stimmte Carrie ihm zu und kratzte sich nachdenklich am Kinn.
Auch sie hatte Rogers als einen ehrlichen Mann kennen gelernt. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass er für die X-Men lügen würde. Immerhin hatte er das auch nicht getan, als es um die eigentliche Gefangennahme von Nachios ging. Er hatte die Information an SHIELD weitergegeben.
Kurz darauf erklärte Seth, dass er sich auf den Weg machen sollte. Natürlich, er war immer noch auf der Flucht. Noch länger hier zu bleiben, wäre ein Risiko. Die Vorstellung, dass sie sich jetzt vermutlich wieder lange nicht sehen würden – oder auch gar nicht mehr – machte sie dennoch traurig.
Sie blickte für einen Moment wehmütig drein, ehe sie sich wieder fasste.
„Nein, mir fällt nichts weiter ein“, gab sie zu. „Danke für die Hilfe.“
Carrie erhob sich und brachte ihn noch zur Tür und konnte nicht anders, als ihn besorgt anzusehen.
„Pass auf dich auf, ja?“
Sie umarmte ihn nochmal zum Abschied, ehe sie ihm die Tür öffnete und ihn gehen ließ.
Carrie drückte Kitty noch ein wenig fester, als diese in Tränen ausbrach. Sie hatte ja geahnt, dass viel von der guten Laune nur gespielt gewesen war.
Die wirre Erzählung, dass Scott und Jean heiraten würden, ließ Carrie die Stirn runzeln. Sie war sich nicht sicher, ob sie Kitty gerade Glauben schenken konnte.
„Öhm, wie schön für die beiden.“ Um ihre Verwirrung zu überspielen, schaute sie kurz zur Uhr. „Ja, es ist tatsächlich schon morgen“, bestätigte sie.
Gleich darauf begann Kitty sich zu entschuldigen und sagte, dass sie aufbrechen sollte.
„Du störst nicht“, stellte Carrie klar. „Ich war doch sowieso noch wach.“
Sie beobachtete, wie Kitty ungelenk versuchte aufzustehen, doch es blieb beim Versuch. Ihre Koordination war durch den Alkohol bereits zu stark beeinträchtigt. Keine Chance, dass sie Kitty in diesem Zustand gehen ließ.
Glücklicherweise fiel auf Kitty auf, dass sie alles andere als fit war. Als ihre Freundin darum bat bleiben zu dürfen, nickte Carrie sofort.
„Natürlich, kannst du hier bleiben!“
Als ob Carrie Kitty in ihrem aktuellen Zustand gehen lassen würde.
„Du übernachtest einfach heute hier, das ist kein Problem“, versicherte Carrie. „Ich besorge dir eine Decke und Kissen. Alles wird wieder gut.“
Sie fasste Kitty an den Schultern und sah sie zuversichtlich an.
Sie ließ Kitty für einen Moment allein, um Kissen und eine Decke zu besorgen. Dann richtete sie das Sofa her. Man konnte Sitzfläche und Lehne so umklappen, dass man bequem darauf schlafen konnte. Nur den Couchtisch musste sie zur Seite räumen, um den nötigen Platz zu schaffen. Nachdem das erledigt war, stand höchstens noch der Alkohol einer geruhsamen Nacht im Wege. Darauf sollte sie besser ein Auge haben.
Carrie atmete erleichtert auf, als Jean ihrem Vorschlag zustimmte. Damit hatten sie jetzt eine praktikable Lösung. Natürlich eine die bewirken könnte, dass sie heute nicht viel Neues erfuhr, aber es ging hier ja auch nicht um sie.
Carrie atmete durch ehe sie begann.
„Soweit ich weiß, gerieten Kitty, Scott Summers und Robert Drake auf dem Universitätsgelände mit Miss Nachios aneinander“, begann sie. „Ob sie persönlich ebenfalls dabei waren, weiß ich nicht.“
Zumindest hatte Kitty Jean in diesem Zusammenhang nicht explizit erwähnt. Im Unterschied zu Scott und Bobby.
„Sie beobachteten Miss Nachios, da diese Drake durch einen früheren Zusammenstoß bekannt war.“
Über diesen früheren Zusammenstoß wusste Carrie leider nichts.
„Sie stellten fest, dass Nachios einen Professor bedrängte und griffen ein, woraufhin es zum Kampf kam“, fasste Carrie den ersten Teil der Ereignisse zusammen, der das alles ausgelöst hatte.
Was wirklich ungewöhnlich ist , fügte sie in Gedanken hinzu. Müsste ich gegen drei X-Men antreten, ich schleunigst Fersengeld geben.
Nachios jedoch war geblieben und hatte die X-Men bekämpft.
„Unglücklicherweise ist besagter Professor verschwunden und kann ihre Geschichte nicht vor Gericht bestätigen“, fügte Carrie hinzu. Sie selbst zweifelte jedoch nicht am Wahrheitsgehalt der Geschichte, doch im Hinblick auf die Gerichtsverhandlung war es mehr als ungünstig.
Carrie wartete erstmal ab, was Jean zu diesem Abschnitt zu sagen hatte. Ob sie überhaupt viel dazu sagen konnte, wenn sie nicht dabei gewesen war.
Auch Bruce hatte sich oft Gedanken ums normalsein gemacht. Jedoch immer mit dem unerschütterlichen Wissen, dass er das eben nicht war. Nicht so wie alle anderen, nicht so wie es von ihm erwartet wurde. Dass das auch bei allen anderen so war, diese Erkenntnis ließ auf sich warten – trotz allem, war er schon gesehen und erlebt hatte. Was das betraf war Bruce trotz seines Genies durchaus naiv. Oder eher zu stark auf seine eigenen Probleme und sein eigenes Leid fixiert. Die Probleme und das Leid anderer waren ihm zwar nicht gleichgültig – ganz und gar nicht -, doch diese zu erkennen fiel ihm schwer. Man konnte es wohl als eine Art Betriebsblindheit bezeichnen. Mangelndes Mitgefühl war es jedenfalls nicht.
Für Bruce stand fest, dass ein Leben mit dem Anderen nicht möglich war und es daher das Ziel sein musste ihn loszuwerden. Natürlich wusste er auch, dass viele das anders sahen. Nicht nur Natasha, auch Tony hatten bereits versucht ihm andere Wege aufzuzeigen, doch Bruce wollte diese Wege nicht sehen, hielt sie von vornherein für unmöglich. Schon Betty hatte versucht ihm klar zu machen, dass der Hulk trotz der allumfassenden Zerstörungswut immer noch irgendwie Bruce war, doch das hatte er erst recht nicht hören wollen. Und für die guten Seiten des Hulk war er blind… wobei nein, nicht blind. Es war eher ein aktives die Augen davor verschließen.
Bruce sah Natasha nachdenklich an. Er war nicht so, dass er sich nicht auch schon Gedanken darüber gemacht hatte. Viele Gedanken. Doch schließlich hatte er sie verdrängt, weil er zu keiner Lösung gekommen war. Er seufzte leicht und fuhr sich übers Kinn.
„Die Frage ist weniger, ob ich helfen könnte, sondern ob ich sollte.“
Er sah Natasha ernst an, ehe er mit einem gewissen Galgenhumor fortfuhr:
„Das letzte Serum, an dem ich entwickelte habe, sollte gegen Strahlenkrankheit helfen und am Ende kam der Hulk dabei heraus.“ Er warf Natasha einen bedeutungsschweren Blick zu. „Also vielleicht sollte man mich lieber nicht an Genen herumspielen lassen.“
Und nur um Hilfe zu bitten, ohne selbst etwas zu geben… diese Vorstellung gefiel Bruce nicht. Zudem müsste er dann anderen Zugang zu seinem Blut und seinen Zellen gewähren – das war schon einmal katastrophal schief gegangen und Harlem hatte es büßen müssen.
Auf seine Fragen zu Steves Aktion, hakte Natasha sofort ein und stelle klar, dass Steve niemanden befreit, sondern nur Beweise ausgebuddelt habe. Also im Grunde dasselbe, wie damals auf dem Helicarrier gegen SHIELD. Nur dass Fury danach keine Hetzjagd auf ihn veranstaltet hatte.
„Ah, dachte ich’s mir doch. Immer übertreiben die Medien in ihrem Kampf um die Aufmerksamkeit der Zuschauer oder Leser.“
Und wenn sie dann auch noch voneinander abschrieben und versuchten sich gegenseitig zu überbieten… es war ein Trauerspiel.
„Dass eine derartige Einrichtung existiert, war nicht wirklich überraschend“, gab Bruce nachdenklich zu. „Aber Guantanamo? Das ist eher für andere Dinge bekannt. Und das Risiko dort auch noch Menschen mit übermenschlichen Fähigkeiten unterzubringen ist…“ Er stockte und schüttelte den Kopf.
Unkalkulierbar… das Risiko war unkalkulierbar! Wer war bloß auf diese Idee gekommen?
„Ich bin auch froh, dass sie ihn nicht erwischt haben“, stimmte er zu. ‚Sonst hätten wir nie etwas davon erfahren.‘
„Ich kann aus Erfahrung sagen, dass es äußerst unangenehm ist das Militär auf den Fersen zu haben.“
Bruce selbst war dem Militär nur mit Hilfe von SHIELD entkommen. Eine Hilfe auf die Steve vermutlich nicht zurückgreifen konnte.
„Eine vertrackte Situation. Wie sollen wir das nur wieder in den Griff bekommen?“
Und sollten sie – als Avengers – sich überhaupt einmischen? So viele Fragen auf die Bruce keine Antworten hatte.
„Wenigstens etwas“, meinte er bezogen auf die abgewimmelte Presse. Nicht, dass die sich lange abwimmeln lassen würden.
Wieder seufzte er schwer.
„Mit den Invasionen der Chitauri und Eisriesen umzugehen war deutlicher einfacher als dieser politisch-gesellschaftliche Konflikt.“
Bruce schaute betrübt drein. Er fühlte sich mit den aktuellen Ereignissen in diesem Land mehr als überfordert.
Ooc: Stimmt, hatte ich durcheinander gebracht. xD
Natürlich waren Jakes Vorsichtsmaßnahmen absolut gerechtfertigt. Nur Storm kannte seine Fähigkeiten gut genug, um Leos Gefährlichkeit abschätzen zu können. Alle anderen hier konnten nur raten und Leo hatte die letzten Minuten über, durchaus missverständliche Signale gesendet. Ihm selbst fiel von allem Beteiligten immer am wenigsten auf, wie bedrohlich er tatsächlich wirkte, wenn er seine Fähigkeiten nutze.
Mit einem Stirnrunzeln beobachtete er, wie Jake Bobby schon fast maßregelte. Noch etwas womit er nicht gerechnet hatte. Er biss sich auf die Unterlippe, als Jake Bobby auf den Eisball ansprach. Nein, natürlich war das nicht der Grund für den Konflikt gewesen – den kannte Leo immer noch nicht -, aber es war der Auslöser für die Eskalation gewesen. Zumindest für Leo. Für Bobby war es die Wolke gewesen, denn er warf Leo gleich darauf vor diese erschaffen zu haben. Keine Erklärung also, nur ein weiterer Vorwurf, dass Leo schuld gewesen wäre. Noch immer kaute Leo auf seiner Unterlippe und beäugte die beiden alles andere als glücklich.
Ein Teil von ihm, wollte sarkastisch zurückgeben, dass er den Moment in dem er Bobby mit einem Blitz niedergestreckt hatte, wohl irgendwie verpasst haben musste! Leo öffnete den Mund und schloss ihn wieder, presste die Lippen aufeinander. Was sollte das bringen? Damit standen sie doch nur wieder am Anfang des Kreises aus gegenseitigen Beschuldigungen.
Tatsächlich hatte es keine Herausforderung zum Kampf sein sollen. Er hatte die Wolke nicht erschaffen, um gegen den X-Men zu kämpfen. Es war eine Drohung gewesen, die Bobby hatte abschrecken sollen. Weil Leo sich von ihm bedroht und eingeschüchtert gefühlt hatte. Das hatte allerdings nicht funktioniert, sondern das genaue Gegenteil bewirkt. Natürlich! So etwas funktionierte ja auch nur bei einem Fluchttier wie ihm!
Leo ärgerte sich über sich selbst. Er hätte einfach gehen sollen, schon viel früher. Stattdessen hatte er sich Bobby entgegengestellt. Warum hatte er das gemacht? Nur um nicht der zu sein, der nachgab? Aber das war doch das einzige, was er konnte! Nachgeben, einstecken, ertragen.
Mit Bobbys erneutem Vorwurf stand für Leo fest, dass es kein klärendes Gespräch geben würde. Als Jake dann genau das vorschlug, sah Leo ihn überrascht an. Er legte den Kopf schief, runzelte die Stirn.
Jake wollte diesen Streit aufklären, weil er so harmoniebedürftig war? Aber das war doch nicht wichtig! Nicht auf Leo bezogen. Er gehörte zum Institut. Dass er sich hier mit irgendjemandem – Storm mal ausgenommen – verstand, war doch völlig nebensächlich! Dass sich Jake und Bobby verstanden mochte wichtig sein für die Harmonie im Institut, aber er? Wer war er denn schon?
Bobby machte noch einmal deutlich, dass er nicht reden wollte. Er schlug sogar Pizza aus, obwohl sein Magen knurrte. Leos Magen knurrte zwar nicht, doch Pizza ging eigentlich immer. Jetzt hingegen sorgte allein bei der Vorstellung sich mit diesen beiden an einen Tisch zu setzten und Pizza zu essen dafür, dass sein inneres Fluchttier sofort wieder auf den Panikmodus zusteuerte.
Bei Bobbys Entschuldigung mischte sich die aufkeimende Panik – für die er nicht mal so richtig einen Grund fand – mit Ärger. Das war keine Entschuldigung, nur hohle, leere Worte, wie Leo sie schon oft zu hören bekommen hatte. Er fragte sich, was genau Bobby Leid tat. Erwischt worden zu sein? Ihn angemacht und angegriffen zu haben, sicher nicht, denn Bobby richtete seine Entschuldigung nicht einmal an ihn. Nein. Diese Entschuldigung diente nur dazu Jake zufrieden zu stellen. Offenbar wollte Bobby keinen Streit mit Jake. Natürlich nicht. Das hier war hier war vermutlich sein Zuhause und Leo ein Eindringling, der Bobby Ärger mit seiner Familie eingebrockt hatte.
Natürlich könnte er jetzt wieder dagegen halten, aber wozu? Er war der Eindringling! Er brauchte diesen Ort nicht. Er konnte einfach gehen. Sicher, er kam hierher zum Training, er genoss die Vorzüge, aber er war nicht darauf angewiesen auch zukünftig hierher kommen zu dürfen.
Vielleicht war Bobby darauf angewiesen hier bleiben zu dürfen. Vermutlich kostete es ihn viel mehr als Leo die Nähe und Vertrautheit zu den Leuten hier zu verlieren. Zumal Leo ohnehin nichts von beidem gewollt hatte. Er hatte sich sogar aktiv dagegen gesträubt. Nur wenige – wie Jake, Storm und Shen – hatten es überhaupt geschafft das Eis zu brechen. Wenn er nie wieder hierher kommen durfte, kostete ihn das vielleicht ein paar Tropfen Herzblut, brachte ihn aber nicht in eine ausweglose Situation. Er konnte einfach gehen… und genau das sollte er auch tun!
Leo sah Jake leicht wehmütig an und schüttelte den Kopf.
„Nein, danke. Das ist ein großzügiges Angebot, aber ich sollte jetzt wirklich gehen.“ Er hatte es geschafft seiner Stimme einen festen, entschlossenen Klang zu geben. Da war nur ein ganz leichtes Zittern in seiner Stimme – das Jake auf Grund seiner Fähigkeiten vermutlich regelrecht anspringen würde.
„Es tut mir Leid, dass ich die Harmonie dieses Ortes gestört habe. Das war nicht meine Absicht.“
Leo wusste, dass das unfair Jake gegenüber war. Er verdrehte ihm die Worte im Mund und tat so als wären die Worte gegen ihn gerichtete gewesen. Was nicht stimmt, dessen war Leo sich völlig bewusst. Jake wollte ihn nicht loswerden im Gegenteil. Er sah kurz zu Bobby.
„Vor mir aus können wir es abhaken. Zeigt mir einfach nur in welcher Richtung der Ausgang ist und ich bin weg.“
Er sah zwischen den beiden hin und her, auf einen Fingerzeig hoffend. Vermutlich hatte er da sogar bessere Chancen bei Bobby, der ihn ja eh nicht hier haben wollte.
Leo hatte beschämt den Kopf gesenkt, hob ihn jedoch bei Shens Worten wieder. Sie versuchte nicht ihn auszufragen und sie verurteilte ihn auch nicht. Stattdessen zeigte sie Verständnis und bestärkte ihn.
„Ich arbeite bereits daran, versuche es zumindest“, erklärte Leo und fügte hinzu: „Es ist tatsächlich nicht einfach.“
Insbesondere dadurch, dass er über einen Teil seiner Vergangenheit lügen musste. Wie sollte er sich jemandem anvertrauen, wenn er nicht ehrlich sein konnte? Leo legte mit unzufriedener Miene die Stirn in Falten. Das machte das Ganze noch schwieriger, als es ohnehin schon war.
Leos Blick wurde noch unzufriedener, schon fast wehmütig, als Shen weiter sprach.
„Ich weiß nicht, ob ich das kann“, gab er zu. „Was wenn ich während der Meditation mit etwas konfrontiert werde, über das ich mit niemandem sprechen möchte?“
Kaum dass er das gesagt hatte, fuhr er zusammen und sah Shen etwas erschrocken an.
„Nichts gegen dich, oder Storm“, sagte er schnell. Er verspannte sich leicht und verknotete seine Finger ineinander. „Es gibt einfach Dinge, über die ich nicht reden kann.“
Und damit sagte er bereits mehr, als er sollte. Es sah ganz danach aus, als würde tatsächlich nur sein Dad als Partner für diese Meditation in Frage kommen.