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Der April ist bekannt für sein wechselhaftes Wetter. Die Temperaturen bewegen sich zwischen 8°C – 18°C. Nachdem das Jahr 2015 sich von Beginn an regnerisch gezeigt hat, neigt sich der Trend weiterhin dorthin.

Storyline | Timeline

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The daily Bugle

Der April 2015 ist geprägt von Festnahmen und Durchsuchungsbefehlen. Neben den X-Men ist auch Steve Rogers in Visier des Staats geraten. Nachts traut sich kaum mehr jemand auf die Straßen, nachdem straffällige Mutanten aus Guantanamo-Bay befreit wurden.

Plots | Daily News

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  • #60559

    Annette
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    „Hm“, machte Noah, während er Seth‘ Gedankengängen folgte. Er erinnerte sich an die Medienaktion im Sommer, von der der Technokrat sprach. Natürlich erinnerte er sich. Ein Aufschrei war durchs Land gegangen angesichts der entsetzlichen Bilder, denen keiner hatte entkommen können. Bilder, die so schrecklich waren, dass er zugeben musste, er hätte gern behauptet, sie nicht zu glauben. Aber dafür wusste er zu gut, dass das Schreckliche viel häufiger wahr war als das Schöne. Und außerdem hatte sich herausgestellt, dass Seth und Julian hinter dieser Aktion steckten, nach der sie beide zu Terroristen erklärt worden waren. Und diesen beiden Freunden, von denen er wusste, dass sie es nicht für Geld und Ruhm taten, vertraute Noah.

    Und ja, Seth hatte eindeutig Recht, wenn er von Gewöhnung sprach. Schon kurze Zeit nach der Ausstrahlung hatten andere Ereignisse diese Eindrücke übertroffen. Spätestens nach dem Giftanschlag auf das New Yorker Wasser hatte niemand mehr darüber gesprochen. Und seitdem hagelte es wöchentlich neue Superlativen des Entsetzens, ohne dass dies irgendwen dazu bewegen würde zu handeln. Nein, dachte Noah, das war nicht ganz richtig. Es gab Menschen, die handelten. Das durfte man niemals vergessen, wollte man selbst die Hoffnung nicht verlieren. Aber es waren zu wenige. Und sie waren zu verstreut. Aber das konnte man momentan nicht ändern. Alle Aufrufe zur Vereinigung waren ungehört verklungen oder, -viel wahrscheinlicher-, in Angst und Terror erstickt. Und deswegen, auch da hatte Seth Recht, musste eine neue Strategie her.

    „Hm“, machte Noah wieder und dachte, dass die Idee mit den verschwundenen Soldaten ein ziemlich guter Ansatz war.
    „An Veröffentlichung hatte ich, ehrlich gesagt, in diesem Fall zunächst einmal gar nicht gedacht, sondern eher an den persönlichen Bezug. Ich hatte gedacht, man könne Soldaten und Soldatinnen vielleicht damit konfrontieren, wie die Army, vielleicht sogar ihnen bekannte Vorgesetzte, Verbrechen in ihrem Namen verüben, so dass ihnen klar wird, dass die Loyalität, die sie empfinden, nur einseitig ist. Und dass diese Army, in denen nicht Wenige von ihnen eine Heimat gefunden haben, nicht länger für die Werte steht, wegen derer sie diesen Weg gewählt haben.“
    Noah sah Seth nachdenklich an.
    „Aber die Idee, sie mit dem Schicksal ihrer verschollenen Kameraden zu konfrontieren, finde ich, ehrlich gesagt, noch besser. Es ist viel geradliniger und bedarf keiner Erklärung. Es steht außer Frage, dass diese Menschen keine Verbrecher waren, die sich nun als Opfer stilisieren, wie es in den Medien ja oft dargestellt wird, wenn Verbrechen gegen Minderheiten aufgedeckt werden. Nein, wenn man diesen Menschen selbst kennt, weiß man, dass das nicht sein kann.“
    Noah dachte laut und sprach im selben Augenblick, in dem sich in seinem Kopf Worte für seine Gedanken fanden. Plötzlich aber schauderte er, als einem Schock gleich die Tragweite der in der Theorie so abstrakten Gedanken ihn durchfuhr.
    „Es… es ist… ja, genau, wie ich gesagt habe. Es ist unerträglich, hier zu sitzen und solche Gedanken… haben… zu müssen“, sagte er schließlich mit gebrochener Stimme, „was Menschen Menschen antun. Warum? Sind wir… sind wir denn nicht alle Gottes Geschöpfe?“

    Noah wusste, solche Gedanken, solche Gefühle waren naiv und brachten die Mächtigen zum Lachen, aber manchmal, manchmal stellte er sich wirklich diese kindliche Frage. Und träumte davon, wie schön die Welt sein könnte, wenn Gottes Geschöpfe sie ganz einfach alle mit „Ja“ beantworten würden.

    #60507

    Annette
    Spieler

    Die Bedingungslosigkeit, mit der Seth diesem Kontakt zustimmte, überraschte Noah nun doch. Ja, er hatte gewusst, dass der IT-ler Dinge mit einer bewundernswerten Kompromisslosigkeit anging, aber er hatte als Resultat ihrer langen Gespräche immer angenommen, dass er Für und Wider, Vor- und Nachteile, Gefahrenquellen und Zukunftschancen sorgfältig abwägte und erst dann eine Entscheidung fällte. Aber, dachte Noah, vielleicht gab es auch nichts abzuwägen, wenn man es mit Captain America zu tun und hatte. Und wie hatte Seth gesagt? Er hatte ihn auch schon getroffen und kannte ihn. Umso besser.

    „Ich weiß, ehrlich gesagt, noch nicht genau, was er braucht“, gab der alte Priester dann zu, „und um noch ehrlicher zu sein, er weiß gar nicht, dass ich dich kontaktiere.“

    Noah brachte es fertig, ein wenig verschämt zu gucken, so als habe man ihn dabei erwischt, wie er einen Freund zu hintergehen versucht habe.
    „Ich wollte ihn überraschen und erst einmal hören, was du sagst.“

    Ihm war klar, dass das nicht der fertige Plan war, der Seth davon überzeugen würde, es in diesem Fall nicht mit Leuten zu tun zu haben, die ihn nur antreiben und sich dann gemütlich zurücklehnen würden. Er konnte nur hoffen, dass ihre nun schon ein Jahr andauernde Freundschaft, in der sie sich besser kennengelernt hatten, als viele andere sich im Verlauf eines ganzen Leben kennenlernten, schwerer wog, als die Zweifel, die andere in Seth hinterlassen hatten. Und dennoch sollte er ein wenig über das erzählen, was er aus dem Gespräch mit Steve mitgenommen hatte.

    „Wir… wir sprachen über die Army,“ fuhr er daher nachdenklich fort, „für… meinen Freund… ist es schwer, dass der Eid, den er geschworen hat, nicht mehr mit seinem Gewissen zu vereinbaren ist. Einen Eid zu brechen ist ein schweres Vergehen… vor dem Staat und dem eigenen Gewissen. Aber im Namen dieses Eides Unrecht zu tun, ist ebenfalls ein schweres Vergehen. Die Army macht ihrem Ruf alle Ehre und bestraft Soldaten, die ihrem Gewissen folgen. Auch wenn sie oder vielleicht auch gerade weil sie ihrem Land damit einen großen Dienst erweisen. Mein… Freund hat großes Unrecht aufgedeckt, das die Army begangen hat und es ist schwer für ihn, dass Freunde ihn plötzlich als Feind und Eidbrecher betrachten oder auch nur betrachten könnten. Obwohl sie doch dieselben Werte vertreten, wovon er überzeugt ist.“

    Noah sah Seth, der offenbar aufmerksam zuhörte, von der Seite an.
    „Zivilisten wie dir und mir ist diese Art denken vielleicht etwas fremd, aber auf jeden Fall kam uns die Idee, ob es nicht möglich sein könnte, andere Mitglieder der Army, die genau wie mein Freund den Eid und den Schutz des Landes ernstnehmen, für unsere Sache zu gewinnen. So können immer mehr Verbrechen, die es zweifellos gibt, aufgedeckt und immer mehr Unschuldige gerettet werden.“

    Noah hielt kurz inne, bevor er weitersprach.
    „Ich fürchte nur, um diese Menschen für unsere Sache zu gewinnen, muss die Liste der bereits aufgedeckten Verbrechen unerträglich sein. Sie müssen erkennen, dass das, was sie erleben und wo sie mitwirken, kein Einzelfall ist, sondern dass ein System dahintersteckt, das sie und den Eid, dem sie folgen, missbraucht und ausnutzt.“

    Jetzt sah Noah Seth offen an. War es ihm möglich und war er bereit dazu, ihnen Informationen über Aktivitäten der Army zu liefern, die dazu führen konnten, solche Verbrechen aufzudecken? Und war er bereit, an der Veröffentlichung dieser Verbrechen mitzuwirken?

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    #60505

    Annette
    Spieler

    Es dauerte noch eine ganze Weile, bis Marrow zu sprechen ansetzte und Magneto musste sich in seiner Ungeduld selbst daran erinnern, dass er sich normalerweise über die Schwätzer unter seinen Getreuen beschwerte. Eine Schwätzerin war dieses Mädchen sicher nicht, also hieß es geduldig zu sein und darauf zu warten, dass sie mit der Sprache herausrückte.

    Magneto nutzte die Zeit, sie zu mustern. Sie sah nicht mehr ganz so zerstört aus wie vor ein paar Wochen, aber gut ging es ihr noch lange nicht wieder. Dornen, Stacheln und Knochenplatten zierten ihren Körper, wie es in dem halben Jahr vor dem Massaker an den Morlocks nie gewesen war. Und auch wenn Magneto es grundsätzlich guthieß, wenn Mutationen ungebremst und kraftvoll auftraten, so wusste er in diesem speziellen Fall doch, dass dies ein Resultat von Leid und Verteidigungsnotwendigkeit war. Es stellte eher ein Zeichen von Defensive als von kraftvoller Offensive dar, zumindest wenn es über eine konkrete Kampfsituation hinaus andauerte. Viel schlimmer als die körperlichen Veränderungen aber fand Magneto die Veränderung in ihrem Blick. Hatten die leuchtendgrünen Augen bis vor kurzem noch lebendig jede Gefühlslage widergespiegelt, so blickten sie nun stumpf und desillusioniert in die Welt, wie es bei einem jungen Mädchen nicht der Fall sein sollte. Sie wollte Rache, ja, aber sie brannte nicht dafür, sie war kalt wie ein Eisklotz. Und das, fand Magneto, war beängstigend, aber vermutlich nicht zu ändern. Was ihr passiert war, ließ sich nicht rückgängig machen, also musste sie damit leben und er würde nicht zögern, sie so zu nutzen, wie sie jetzt war. Und sie war, da machte Magneto sich nichts vor, jetzt vermutlich viel effizienter und nützlicher, als sie je gewesen war. Sie hatte nichts mehr zu verlieren, wenn sie auch unvernünftiger Weise noch an diesem Jungen festhielt, den sie eigentlich auch schon verloren hatte. Nun, dachte der alte Mann, es war eine Frage der Zeit, bis das kluge Mädchen von selbst dahinterkam, dass der Bengel nicht weiter schützenswert war. War der erst einmal wieder hier und unter Kontrolle, konnte er nicht mehr viel Schaden anrichten und würde unvermeidlich in den nächsten Fehler rennen, der ihn dann den Kopf kosten würde. Und sollte er das nicht tun, konnte man ja immer noch ein wenig nachhelfen.

    Marrow holte Magneto zurück in die Gegenwart. Und überraschte ihn mit einem Vorschlag, der an Gnadenlosigkeit nicht zu überbieten war. Nicht dass er damit ein Problem gehabt hätte, aber diese Worte aus dem Mund eines so jungen Mädchens zu hören, war schon… außergewöhnlich. Und überraschend. Und es zeigte, wie sehr sie sich von dem weichen Kern, der sicher einmal in ihr gesteckt hatte, verabschiedet hatte. Sie war kein Mädchen mehr. Sie war Kämpferin durch und durch. Und sie war nicht zimperlich in der Wahl ihrer Waffen.

    Magneto zögerte nur kurz.
    „An wen hast du gedacht?“, fragte er dann und scannte das gedankliche Portfolio, das im Laufe der Zeit über Tech entstanden war. Eine Schwester, ein Bruder, Vater, Mutter, zwei Nichten. Alle im Exil. Nicht dass das ein Problem wäre, die Brotherhood hatte überall Freunde und spürte Leute auf der ganzen Welt auf. Dann hatte es da diese Kampfkunstschule gegeben, vielleicht kannte er von dort noch Leute. Aber ob die ihm so nahestanden? Auch dass es Kontakte zu den X-Men gegeben haben musste, war mittlerweile erwiesen. Er hatte den jungen O’Neil dort aufgegabelt und zumindest bis zum Sommer noch Kontakte dorthin gehabt, denn ansonsten hätte er Psylocke nicht auf seine Seite ziehen können. Und es gab diesen Priester. Dort in der Kirche war er bekannt, das hatte Psylocke herausgefunden. Aber wie eng diese Bindung war, hatte auch sie nicht sagen können. Es konnte genauso gut sein, dass dieser alte Pseudo-Heilige jeden beliebigen Menschen vor echten und imaginären Feinden beschützte. Immerhin hatte er eine beachtliche Zahl gestrandeter Kreaturen um sich versammelt. Und… Patrick O’Neil. Senator und Zentrum aller charakterlichen Verirrungen, die Tech im Laufe der letzten anderthalb Jahre angesammelt hatte. Er war offenbar der Mann, den er so schätzte, dass er bereit war, jeden Verrat zu begehen, um ihn zu schützen. Damals, als die Bruderschaft ihn im guten Glauben an seine Standfestigkeit dorthin geschickt hatte, um zu spionieren und jetzt wieder, als er den Anschlag vereitelt hatte, der so wichtig gewesen wäre, um den Krieg ein Stück voran zu bringen.

    Magneto spürte, wie der Zorn in ihm hochkochte und er dachte, dass dieser Patrick O’Neil ein sehr lohnenswertes Ziel darstellte, in jeder Hinsicht. Allerdings… Marrow sprach von Mord und Hoffnungslosigkeit. Würde ein toter Senator Tech aus der Reserve locken oder sollte man ihn nicht lieber zunächst als Köder benutzen? Töten konnte man so ein wehrloses Menschlein ja immer noch.

    Nun, dachte der Anführer der Brotherhood und sah Marrow plötzlich sehr gespannt an, erst einmal wollte er sich ihre Gedankengänge und Vorschläge anhören.

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    #60483

    Annette
    Spieler

    Eine Idee hatte sie also, eine Gute. Nun, das hatte nicht lange gedauert, dachte Magneto, vor allem, wenn man bedachte, wie ihr Gespräch gestern verlaufen war. Wenn Magneto ehrlich war, hatte er nicht damit gerechnet, sie so bald wiederzusehen. Obwohl er große Stücke auf sie hielt und obwohl sie ihn immer und immer wieder beeindruckt hatte, hatte er angenommen, dass sie eine Weile bräuchte, um ihre Wunden zu lecken und ihre Gedanken zu sortieren. Aber so, wie es aussah, war sie nicht nur mutig, sondern auch klug und flexibel, was zusätzlich für sie sprach. Und jetzt hatte sie eine Idee, sagte sie, eine Idee, die dazu führen würde, dass sie der beiden Verräter habhaft wurde. Das jedenfalls hoffte Magneto für sie, denn auch wenn sie klug und flexibel war, so war er doch ein alter Mann, dessen Zorn sich nicht innerhalb eines Tages legte.

    Schnurstracks marschierte er die Treppe hinauf und hinein in den Besprechungsraum. Er hörte, dass auch sie den Raum betreten hatte und ließ die schwere Feuerschutztür hinter ihr zuknallen. Sie sollte nicht denken, dass ihr letztes Gespräch schon vergessen war. Und sie sollte bloß nicht übermütig werden, nur weil er sich ihr gegenüber mehr als einmal verhalten hatte wie ein gutmütiger Großvater. Er konnte ein gutmütiger Großvater sein, wenn er wollte. Jetzt aber wollte er nicht.

    „Nun? Ich höre“, forderte er sie knapp zum Sprechen auf, ohne sich darum zu kümmern, wo sie stand oder saß. Er sah sie auch nicht an, sondern drehte ihr den Rücken zu, während er sich den unvermeidlichen tiefschwarzen Kaffee eingoss. Nicht, weil er unbedingt Kaffee wollte, sondern weil er demonstrieren wollte, dass etwas so Belangloses wie ein Kaffee Vorrang vor ihr hatte.
    „Und ich habe nicht ewig Zeit“, fügte er hinzu, als sie nicht gleich zu sprechen ansetzte. Das, fand er, war nicht einmal gelogen, obwohl er heute keine Termine mehr hatte. Aber er war 82 und er war sterblich, er hatte nicht ewig Zeit.

    Sie aber, sie hatte offensichtlich ewig Zeit. Oder, und das war wahrscheinlicher, sein Auftritt hatte sie ein wenig eingeschüchtert, so dass sie auf die Schnelle kein Worte fand. In dieser Hinsicht war sie ja ohnehin eher sparsam unterwegs. Jedenfalls sagte Marrow erst einmal nichts, was den alten Mann dazu brachte zu seufzen und sich darauf zu besinnen, dass er es mit einem halben Kind zu tun hatte. Er drehte sich um.

    „Setz‘ dich“, sagte er etwas versöhnlicher und wies mit der Hand auf einen der Stühle am langen Konferenztisch. Er selbst ließ sich gegenüber nieder und rührte im nahezu ungenießbaren Kaffee.
    „Und erzähl, was für eine Idee das ist!“

    #60473

    Annette
    Spieler

    Noah fasste sich in Geduld. Das fiel ihm nicht weiter schwer, hatte er doch erwartet, dass Seth über seine Worte ausführlich nachdenken würde, bevor er antwortete. So atmete Noah dankbar die noch kühle, aber dennoch schon frühlingshafte Luft ein und betrachtete die leuchtenden Narzissen, deren Köpfe im leichten Wind sanft nickten. Viel zu selten, dachte Noah, bemerkte und genoss er noch Gottes Schöpfung in diesen Tagen. Und war es nicht eine Sünde, wenn man sich von Trübsal und Niedergeschlagenheit beherrschen ließ, wo es doch so viele wunderbare Details auf Gottes Erde gab, die unabhängig vom Gebaren der Menschen einfach nur schön waren?

    Als Seth dann sprach, nickte Noah verstehend. Ja, dieses Phänomen kannte er nur zu gut. Menschen, die forderten, die nach Unterstützung riefen, selbst aber wenig oder auch gar nichts geben wollten. Auch er kannte die Ermüdung desjenigen, der immer voranschritt und führte und dabei manchmal das Gefühl hatte, durch tiefen Morast zu waten, der an seinen Füßen zog und ihn am Vorankommen hinderte. In mühevoller Kleinarbeit hatte er über die Jahrzehnte in seiner kleinen Gemeinde daran gearbeitet, die Einstellung der Menschen zu ändern. Behutsam hatte er jene, die kamen, um Unterstützung zu erfahren, in die Verantwortung genommen und angeleitet, wie sie auch andere unterstützen konnten. Doch genau dieses Lebenswerk war in den letzten Monaten zu Staub zerfallen, als immer mehr Menschen der Gemeinde den Rücken kehrten. Nicht freiwillig, das wusste Noah wohl, dennoch war es schwer, in den leeren Räumen zu stehen und nicht zu wissen, ob irgendetwas von dem, wofür er immer gelebt hatte, von Bestand sein würde. Denk an Hiob, mahnte Noah sich, es stand ihm nicht zu, zu zweifeln, wo andere, die noch viel Schlimmeres erlebten, mutig vorangingen.

    Wie zum Beispiel Steve, den das Leben wahrlich gebeutelt hatte und der ihm dennoch immer wieder eine neue Ausrichtung geben konnte, der nicht zögerte, alles über Bord zu werfen und seinem Gewissen zu folgen, der an die Menschen glaubte, obwohl diese alles dafür taten, dass er diesen Glauben verlor. Ja, er wollte sich in dieser und auch in anderer Hinsicht Steve zum Vorbild nehmen und sich nicht von den Mühlsteinen um seinen Hals niederziehen lassen. Und genau deswegen war er ja hier.

    „Ich glaube, diese Einsicht ist etwas, das uns eint. Dich, mich und… meinen Freund“, antwortete er schließlich. Für einen Moment überlegte er, was er noch sagen sollte, doch dann erinnerte er sich, dass er Seth für absolut vertrauenswürdig hielt und dass er nicht das allgemeine Misstrauen, das neuerdings überall herrschte, auf seine Freunde übertragen sollte.

    „Er ist ein Mann der Tat, einer, der persönliche Risiken einzugehen bereit ist und dies auch schon getan hat. Um genau zu sein, er hat sowohl sein sicheres Auskommen als auch seinen Ruf aufs Spiel gesetzt, um Unrecht zu bekämpfen. Er steht mit seinem Namen für seine Ideale ein. Ein sehr… gefährlicher Charakterzug in diesen Tagen.“

    Wer wüsste das besser als Seth?

    „Du hast von dem Einbruch in Guantanamo Mitte März gehört?“, fragte Noah, wobei ihm klar war, dass diese Frage rhetorischer Natur war. Er nannte damit einen Namen, ohne einen Namen zu nennen. Es gab Dinge, die sich verboten, heutzutage ausgesprochen zu werden.

    #60435

    Annette
    Spieler

    Noah nickte und steckte den Zettel in die Brusttasche seines Hemdes unter dem warmen Pullover, den er trug. Sagen konnte er in diesem Augenblick nichts, aber er würde diese Nummer nicht leichtfertig verwenden. Zunächst würde er sich Gedanken darüber machen, wie er Louisa von diesen schlimmen Nachrichten berichten konnte und dann würden sie sich beraten, wie sie es von jeher in Situationen getan hatten, die für einen allein zu schwer erschienen. Es würden traurige, schwere Momente werden und doch war der alte Mann so unendlich dankbar dafür, dass er auch diese mit seiner Frau teilen durfte. Allein der Gedanke daran schenkte ihm ein wenig Trost und Mut.

    Und dieser ließ ihn über den nächsten Satz nachdenken, den Seth sprach. Sie hatten Magnetos größten Streich in eine Niederlage verwandelt? Noah konnte sich nur an eine spektakuläre Niederlage der Brotherhood erinnern und zwar an jene, als vor ungefähr drei Wochen der Anschlag auf das Kapitol misslungen war. Die Ermittlungen dazu waren noch in vollem Gang und es drang nur wenig an die Öffentlichkeit. Noah war auch nicht allzu interessiert an den Hintergründen, die vermutlich nur wieder Abgründe der Unmenschlichkeit zu Tage brachten. Allerdings musste er zugeben, dass er eine Mischung aus Erleichterung und Genugtuung verspürt hatte, als ausgerechnet jene Mörderin verhaftet worden war, die erst im Januar in die Kirche gekommen und sie alle als Geiseln genommen hatte.

    Julian und Seth steckten also hinter diesem Fehlschlag. Obwohl Noah noch vor Augenblicken gedacht hatte, dass er nie wieder lächeln würde, bemerkte er, wie ein Solches über sein Gesicht huschte. Vielleicht waren die Beiden ja nur zur Brotherhood gegangen, eben um diese von innen heraus zu sabotieren? Das wäre zwar leichtinnig bis zur Selbstmordgrenze, aber doch auch irgendwie ehrenhaft, oder? Aber selbst wenn sie eigentlich Terroristen hatten werden wollen und sich dann eines Besseren besonnen hatten… Hatte nicht auch Jesus den reuigen Sündern, die auf den Weg der Tugend zurückgekehrt waren, immer eine größere Bedeutung beigemessen als jenen, denen es gelungen war, niemals von diesem Weg abzukommen? Aber wie auch immer…

    „Gut gemacht“, sagte Noah leise und lächelte noch einmal, während er Seth‘ Warnung unkommentiert ließ. Er hatte sie gehört und er würde sie beherzigen.

    Schweigen breitete sich zwischen den Männern aus, während Beide versuchten, sich aus den Fängen der tonnenschwer erscheinenden Informationen zu lösen.

    Schließlich seufzte Noah und setzte wieder zu sprechen an.
    „Ihr seid also noch… dabei. Und auf der Flucht“, fasste er etwas wirr zusammen, was er bisher erfahren hatte, „ich… ich weiß nicht, ob dies nun ein guter Augenblick ist. Nein, wahrscheinlich ist er das nicht, aber die Zeiten, in denen wir so viele Augenblicke hatten, dass wir wählen konnten, sind vermutlich vorbei. Ich… ich wollte dich um Hilfe… oder… Unterstützung… oder Zusammenarbeit bitten. Ich weiß selbst noch nicht so recht, was ich erwarte.“
    Noah verstummte, als ihm bewusst wurde, dass Seth mit diesem Durcheinander vermutlich nicht viel anfangen konnte. Doch dann sprach weiter, so leise, dass auch ein verborgener Lauscher hinter einem der nächsten Büsche seine Worte nicht mehr hätte verstehen können.
    „Ein Freund von mir engagiert sich auch aktiv im Widerstand. Höchst effizient, würde ich sagen. Auch er wird verfolgt und hat bei mir Unterschlupf gefunden.“
    Nicht für den Bruchteil eines Augenblicks zögerte Noah, Seth diese Information zu geben.
    „Leider ist er mehr oder weniger allein und ich… na ja, ich hatte die Idee, dass es uns allen guttun würde, wenn wir Kontakte knüpfen und unsere… nun ja, Bemühungen… und Fähigkeiten natürlich auch… bündeln.“
    Skeptisch sah Noah Seth an. Er erwartete keine Freudensprünge und keine spontanen Versprechungen. Ein Mann in Seth‘ Lage tat gut daran vorsichtig und misstrauisch zu sein.
    „Was denkst du?“, fragte er dennoch, als das Schweigen andauerte.

    #60423

    Annette
    Spieler

    „Oh, mein Gott“, hauchte Noah entsetzt und vergrub das Gesicht in den Händen. Zu viel, ja, zu viel war es auch für ihn gerade jetzt. Das Große, das Entsetzliche in so vielen Facetten, das Seth mit nüchternen Worten beschrieb. Massakriert sei Marrows Familie worden, massakriert. Nicht weggesperrt, nicht verfolgt, nicht einfach nur getötet, massakriert. Und sie war eine Gefangene von SHIELD gewesen, der scheinbar allmächtigen Organisation zur Bekämpfung von Terrorismus, was ja den Schluss nahelegte, dass man sie für eine Terroristin gehalten hatte. Kein Mensch konnte wissen, was ihr dort widerfahren war. Und dann noch Magneto, dessen Name so selbstverständlich in Seth‘ Erklärungen einfloss, als könne man den grausamen alten Mann jeden Tag auf der Straße treffen und um irgendwelche Gefallen bitten. Aber Noah war nicht dumm. Marrow hatte Magneto um Hilfe gebeten, was bedeutete, sie war eine von ihnen. Ein Mitglied der Brotherhood, jener Bruderschaft, deren Machenschaften bereits zigtausende Tote hinterlassen hatten. Und Seth war ganz offensichtlich auch dort gewesen. Und Julian…

    „Oh, mein Gott“, murmelte Noah wieder hinter seinen Schutz bietenden Händen, als seine Gedanken unerbittlich weiterwanderten. Sie waren gegangen und sie hatten Marrow dort gelassen. Allein. Verzweifelt. Am Ende.

    Wahrscheinlich, sagte Noah sich, waren die Beiden nicht viel weniger am Ende. Wahrscheinlich hatte es keine andere Möglichkeit gegeben. Doch es gelang ihm nicht, sich selbst zu überzeugen. Seth hatte schon einmal in den Reihen der Brotherhood gestanden und sich von dieser losgesagt. Offensichtlich hatte er aus dem alten Fehler nicht gelernt. Hatte sich wieder den Terroristen angeschlossen und hatte die jungen Leute mitgerissen. Noah dachte an Julians besonnene Art und an Marrows Hingabe. Nein, korrigierte er sich, das waren voreilige Schlüsse. Schuldzuweisungen, die zu nichts führten. Julian und Marrow waren keine leicht zu verführenden Teenager, die nicht wussten, auf was sie sich einließen. Aber dass sie sich getrennt hatten, dass Julian Marrow dort bei diesen Menschen, die weder Moral noch Gnade kannten, zurückgelassen hatte…

    Noah schluckte und atmete tief durch. Dann zwang er sich, die Hände vom Gesicht zu nehmen und Seth anzusehen.
    „Das sind schlimme Nachrichten“, sagte er leise, „Louisa wird es zerreißen. Und mich… auch.“
    Aber darum ging es nicht, mahnte er sich. Es ging darum, was getan werden konnte, was getan werden musste.
    „Warum ist sie nur nicht nach Hause gekommen?“, konnte er sich dennoch noch nicht von dem lähmenden Entsetzen lösen, obwohl er die Antwort darauf natürlich kannte. Sie war in der Kirche nicht zuhause und auch nicht in der kleinen Wohnung dahinter. Sie war immer nur zu Besuch gewesen, wie sie vielleicht auch im Leben der Menschen, die sie auf ihrem möglicherweise unendlichen Leidensweg treffen würde, nur zu Besuch sein würde. Sie war dazu verdammt, ein elendes Leben zu führen und die Menschen, die ihr etwas bedeuteten, einen nach dem anderen sterben zu sehen. Zu viel, hatte Seth gesagt, ja, zu viel für ein junges Mädchen, das sich gerade erst aus seinem schützenden Panzer herausgearbeitet hatte. Und plötzlich fragte Noah sich, ob Julian Marrow wirklich zurückgelassen hatte oder ob sie ihn nicht vielmehr von sich gestoßen hatte, weil sie es nicht ertragen könnte, auch ihm beim Sterben zuzusehen. Noah seufzte.

    „Hast du… hast du eine Idee, wo ich sie finden könnte? Oder… wie ich ihr vielleicht eine Nachricht zukommen lassen kann? Sie soll wissen, dass sie immer willkommen ist.“
    Mehr wagte Noah nicht zu hoffen. Er hatte schon früher festgestellt, dass Marrow niemand war, dessen Vertrauen man mit Worten gewann.

    #60403

    Annette
    Spieler

    Seth wusste etwas, natürlich. Es war immer sein Talent gewesen, Netzwerke zu spinnen und Informationen zu beschaffen. Und Julian hatte natürlich engen Kontakt zu Marrow, so waren die Informationen über Guanyn und die anderen vermutlich zu Seth gelangt. Noah musste unwillkürlich lächeln, als er an die beiden Verliebten dachte. Was für ein Lichtblick in diesen düsteren Zeiten. Nichts war unwahrscheinlicher gewesen, als dass diese Beiden zueinander fanden, dass sie die Liebe fanden. Noah erinnerte sich daran, wie sie, damals noch Kinder, in der Kirche gesessen hatten, sich offensichtlich sympathisch, aber völlig unfähig miteinander zu reden. Misstrauisch und blockiert von zahlreichen schlimmen Erfahrungen. Schlimme Erfahrungen waren für beide noch hinzugekommen und dennoch hatten sie es geschafft, sich füreinander zu öffnen. Der Priester in Noah sah hier sehr deutlich die Hand Gottes im Spiel, aber das hätte er wohl niemals laut gesagt.

    Aber dann sprach Seth weiter und Noah runzelte die Stirn. Ihr nicht sagen, dass er Seth getroffen hatte? Ihr nicht die Möglichkeit geben, die anderen zu ihnen zu führen? Weil es das dann gewesen war?

    Zwischen Noahs Vorstellung des Beziehungsgeflechts zwischen den Dreien und diesen Worten klaffte eine Lücke, so groß wie Manhattan. War Marrow nicht bei Julian und Seth? Und wenn nicht, wo war sie dann? Er selbst hatte sie seit Monaten nicht gesehen. Schon seit dem Sommer war sie immer seltener gekommen, aber er hatte das als eine normale Entwicklung betrachtet, die er gutgeheißen hatte. Sie wurde erwachsen und endlich schien es, als sei sie auf dem Wege, ein zufriedeneres Leben zu führen und dem Kampf um das alltägliche Überleben, den sie wie so viele Menschen, die auf der Straße lebten, führte, entkommen zu sein. Er hatte sie an Julians Seite gewähnt und der war immerhin den ganzen Herbst über höchst lebendig in den Medien präsent gewesen und hatte so gesund wie selten zuvor gewirkt. Nun, dachte Noah, da hatte er sich wohl eine zu ideale Welt zusammengeträumt. Und dass sich die ganze Situation in den letzten Wochen auch für Julian dramatisch verändert hatte, war ja nicht zu übersehen gewesen. Dass dies Auswirkungen auf die Beziehung zwischen den Beiden hätte haben können, hatte Noah allerdings nicht geahnt. Oder diese Möglichkeit einfach nicht wahrhaben wollen.

    „Die anderen?“, hakte der alte Mann dann auch ein bisschen verwirrt nach, Seth‘ Frage vollkommen ignorierend. Es war nicht so, dass er diese nicht beantworten wollte, natürlich nicht, aber noch war er zu sehr damit beschäftigt zu verstehen, was Seth ihm gerade in einer etwas kryptischen Art und Weise versucht hatte zu erzählen. Oder versuchte er eher, etwas zu verschweigen?

    „Welche anderen? Ist Marrow nicht bei euch? Geht es ihr gut?“
    Noah war aufrichtig besorgt. Erst jetzt merkte er, wie sehr er sich darauf verlassen hatte, dass das Mädchen, das ihm so ans Herz gewachsen war, sich bei Julian und Seth aufhielt, Menschen, die sie schätzten, liebten und auf sie achteten. Natürlich wäre auch das alles andere als eine Garantie für ihre Sicherheit gewesen, aber immerhin hätte sie sich nicht mehr allein in feindlichem Umfeld durchschlagen müssen, wie sie es schon so oft getan hatte. Und wenn die Gruppe, die sie als ihre Familie bezeichnete, zerschlagen und weggesperrt worden war, wer waren dann die anderen? Waren es vertrauenswürdige Leute oder war sie wieder allein unter Feinden? Und wenn Seth und Julian diese Leute fürchteten…

    Noah senkte den Blick und betrachtete die kleinen Steinchen zwischen seinen Füßen, aus denen die Wege auf diesem Friedhof bestanden. Er mochte es, wie sie unter den Schuhsohlen knirschten, wenn man darüber lief. Dann holte er Luft.

    „Seth, ich verstehe nicht, was du sagst. Es… gibt Lücken, die ich nicht füllen kann. Du weißt, dass ich niemals etwas tun würde, das dir oder auch Julian schadet. Ich hoffe, das weißt du.“
    Beinahe flehentlich sah er den Jüngeren an. Hatte der beschlossen, sein alter Freund und Beichtvater sei nicht länger vertrauenswürdig?
    „Ich… sorge mich um Marrow. Im Frühjahr, als sie für Wochen bei uns wohnte… Sie ist für Louisa und mich fast so etwas wie eine Enkeltochter geworden. Wir haben sie lange nicht gesehen. Das war schwer, vor allem in diesen Zeiten, aber wir haben uns gegenseitig versichert, dass sie frei ist zu gehen, wohin sie will. Sie wird erwachsen, sie ist kein Kind mehr. Aber… die Sorge blieb. Wir haben uns damit getröstet, dass sie Julian hat… und dich. Jemanden, dem sie nicht egal ist. Aber jetzt…“

    Noah brach ab. Seth wusste selbst, was jetzt war. Jetzt gab es „die anderen“, die ihn und Julian nicht finden durften und bei denen sich Marrow offensichtlich aufhielt.

    • Diese Antwort wurde vor vor 5 years, 6 months von Annette bearbeitet.
    • Diese Antwort wurde vor vor 5 years, 6 months von Annette bearbeitet.
    #60380

    Annette
    Spieler

    Ich bin jetzt nicht so ’ne Plaudertasche, wie vermutlich alle, die es mal auf Skype mit mir versucht haben, festgestellt haben. Ich lasse euch erstmal machen und bleibe ganz traditionell hier :).

    #60339

    Annette
    Spieler

    Sie lebten noch, immerhin, dachte Noah, auch wenn er sich ein „offenbar nur so gerade eben“ nicht zu denken verbieten konnte. Er mochte sich nicht vorstellen, wie Julian heute aussah, wenn schon der robuste Seth nur noch aus Haut und Knochen bestand. Aber offenbar lebten sie noch, immerhin. Diese Tatsache sollte man wohl auf der Haben-Seite verbuchen, wenn man nicht vollends die Hoffnung verlieren wollte.

    Der Preis allerdings war hoch, sagte Seth und das ließ Noah die Stirn runzeln. Er wusste, in welcher Währung Seth seine Schulden zahlte und dabei hatte er nicht den digitalen Verrat im Sinn. Vielmehr dachte er an die Seele des Getriebenen, die er ständig in Gefahr war zu verkaufen. Für vermeintliche Sicherheit, für Freundschaft, für Rache. Daran hatte sich offenbar nicht viel geändert. Das Lächeln war so vollständig verblasst, als sei es nie da gewesen und wurde durch die bekannten Ausdrücke und Gesten ersetzt. Der schwere Atem, das Seufzen, das Reiben des Nackens. All dies hatte Noah schon zuvor gesehen.

    Aber sie lebten, hielt Noah sich selber vor, was hatte er denn erwartet? Das Gesicht dieses Mannes, oder besser gesagt, das ehemalige Gesicht dieses Mannes und das seines jugendlichen Freundes zierten seit vielen Wochen jede Plakatwand, jede U-Bahn, jeden Zeitungskiosk. Man berichtete über die Ermittlungen, die einer Jagd gleichkamen und fahndete nach ihnen im Internet. Das würde wohl erfolglos bleiben, dachte Noah, der um Seth‘ bestechende Fähigkeiten wusste, zufrieden. Das Netz würde bestimmt nicht dabei helfen, sie zu schnappen. Ganz im Gegenteil. Noah vermutete, dass dort ebenso sorgfältig wie brillant falsche Fährten in alle Richtungen wiesen. Aber dennoch blieb die Tatsache, dass sie Gejagte waren und sich seit Wochen verstecken mussten. Also, was hatte er erwartet?

    Auf Seth‘ Frage winkte Noah ab.
    „Nein, nein, alles in Ordnung. Wir hatten ein paarmal Besuch, aber offenbar war es den auffällig unauffälligen Herren und Damen zu langweilig, stundenlang in harten Kirchenbänken zu hocken, ohne dass ihre Beute auch nur die Nase zur Tür hereinsteckte. Sie haben Adam für ein paar Tage mitgenommen und Gregory auch, aber das hatten sie verdient. Konnten es nicht lassen, sich interessant zu machen und eine Menge Unsinn zu erzählen. Bis der von der Staatsmacht überprüft und als Solcher erkannt worden war, saßen sie hinter Schloss und Riegel. Aber sonst ist ihnen nichts passiert.“

    Noah verstummte. Tatsächlich hatte ihm diese kleine Episode nicht besonders viel Kopfzerbrechen bereitet. Gerade Adam musste es allmählich wirklich mal lernen, wie man mit der Obrigkeit umzugehen hatte, wenn man nicht andauernd in Schwierigkeiten geraten wollte. Erfahrung hatte er in dieser Hinsicht wirklich genug. Und für Gregory hatte sich diese Lektion als ziemlich heilsam erwiesen. Er hatte, zumindest vorübergehend, seine Angebereien eingestellt.

    „Nein, nein, allen, die noch kommen, geht es gut. Louisa und mir auch. Mehr Sorgen bereiten mir die, die nicht mehr kommen. Das sind Viele und von den meisten haben wir keinerlei Nachricht. Sie sind einfach verschwunden.“
    Jetzt war es an Noah sich den Nacken zu reiben und zu seufzen.
    „Es wird einsam in der Kirche. Nicht einmal Guanyn und die Jungs kommen noch zum Spielen. Ich laufe herum und schaue an den bekannten Plätzen. Aber ich finde selten jemanden. Ich weiß nicht mehr, wo ich noch suchen soll.“

    Noah warf Seth, der geduldig zuhörte, einen Blick zu. Was tat er hier? Jammerte er einem Gejagten, der sehr offensichtlich genug eigene Sorgen hatte, die Ohren voll? Sollte es nicht eigentlich andersherum sein? Oder sollte er sich nicht vielmehr auf den Grund besinnen, aus dem er Seth hatte treffen wollen? Nein, dachte Noah, sie saßen hier in der Nachmittagssonne und trafen einen so dringend benötigten Freund. Beide. Er war nicht als Seelsorger hier, sondern als ein Mensch, der auf der Suche nach dem richtigen Weg war. Und der in eine Sackgasse eingebogen war, denn anders konnte man die vergebliche Suche nach den Verschwundenen ja wohl nicht bezeichnen.

    „Ich hatte immer befürchtet, dass die Zeiten einmal schlechter würden. Aber ich hatte gedacht oder… gehofft, dass wir dann zusammenrücken, uns gegenseitig stärken und Mut machen. Aber… ich erlebe, wie alles zerfällt. Die Menschen bleiben für sich, kommen nicht mehr. Vielleicht sind sie auch weggesperrt, krank, tot, zu wütend für die Kirche oder zu mutlos… ich weiß es nicht… Ich kann sie nicht mehr erreichen, erfahre nichts über ihr Schicksal. Es ist… gespenstisch.“
    Mutlos zuckte Noah die Achseln.
    „Ich bemühe mich, nicht die Zuversicht zu verlieren und jeden Tag irgendwie weiterzumachen. Aber es ist nicht leicht. Na ja,“, gab er dann zu und lächelte über sich selbst, „Gott hat auch nie behauptet, dass es leicht sein würde. Warum also bin ich überrascht?“

    Wieder sah der alte Mann seinen gefährlich aussehenden Gesprächspartner an. Nun wusste der, wie es ihm ergangen war und dass es nichts gab, für das er sich schämen musste, wenn er es erzählen wollte. Auch er, Noah, war zurzeit alles andere als erfolgreich.

    #60301

    Annette
    Spieler

    Lange musste Noah nicht warten. Er hörte die knirschenden Schritte auf dem Kiesweg und so erschrak er nicht, als er unvermittelt angesprochen wurde. Erfreut öffnete er die Augen, erschrak dann aber doch weit heftiger als der Schreck wegen einer unvermuteten Ansprache hätte ausfallen können. Vor ihm stand Seth, aber doch auch wieder nicht Seth. Nein, vor ihm stand ein fremder Mann mit eingefallenen Wangen, ungesunder Hautfarbe, einem beängstigenden dunklen Bart und einer in Noahs Augen vollkommen unpassenden Mütze auf dem Kopf. Noah hatte Seth kennengelernt, als dieser im dunklen Tal gewandelt war, mit Gedanken, die irgendwo zwischen Mord und Selbstmord, zwischen Selbstzerstörung und blankem Hass gependelt waren. Aber selbst damals hatte der IT-ler nicht so verhärmt und mitgenommen ausgesehen. Halb verhungert, dachte Noah, ja halb verhungert war der richtige Ausdruck. Hatte Seth, der sich mithilfe seiner Fähigkeiten doch eigentlich alles organisieren konnte, gehungert im reichen New York? Noahs Stirn zog sich in sorgenvolle Falten.

    Das Lächeln allerdings und der Schalk, den er in der Stimme hörte, besänftigten den Priester sogleich wieder etwas. Das Lächeln, das hatte es damals nicht gegeben und das „Vater“ hatte damals ehrfürchtig und verängstigt geklungen, so als wäre der erwachsene Mann wieder ein kleiner Junge gewesen, der die Sicherheit des starken Vaters seiner Kindheit in dem alten Priester suchte.

    Damals hatte Noah abgewehrt und erklärt, dass ihm diese Anrede nicht behagte. Jetzt aber lächelte er, mochte er doch die Brücke, die der Scherz zu ihrer ersten Begegnung schlug.
    „Ich bitte darum“, antwortete er mit einer einladenden Geste, „du bist so seltene Gesellschaft in diesen Tagen.“

    Tatsächlich hatte er Seth in diesem Jahr überhaupt noch nicht gesehen, denn nachdem diese Asiatin kurz nach der Jahreswende in die Kirche eingedrungen war und die Gläubigen mit Gewalt dazu hatte bringen wollen, Seth‘ Aufenthaltsort zu verraten, hatte Noah diesen auf indirekten Wegen wissen lassen, dass es sicherer war, wenn er sich eine Weile nicht blicken ließ und niemand wusste, wo er sich aufhielt. Noah hielt viel von seinen Gemeindemitgliedern, aber er verschloss nicht die Augen vor ihren Schwächen. Er wusste um die Geschwätzigen und die Ängstlichen, die Neidischen und Habgierigen. Das alles waren menschliche Schwächen, die zu verzeihen ihm nicht schwerfiel, aber er fand auch, dass man diesen Schwächen besser keine Nahrung gab und niemanden in Versuchung führen sollte, der sich bestimmt schon längst vorgenommen hatte, sich zu bessern. Und deswegen war Seth nicht mehr gekommen. Leider hatte er sich kurz darauf quasi selbst verraten, indem er sich bei dem mittlerweile ebenso berühmten, wie berüchtigten Einbruch in die Registrierungsdatenbank hatte filmen lassen. Danach war es natürlich noch undenkbarer gewesen, in die Kirche zu kommen, wo nicht wenige Leute sich stolz damit brüsteten, den Kämpfer für die Rechte der Mutanten persönlich zu kennen. Eine Weile hatte das die Polizei und einmal sogar das FBI auf den Plan gerufen, aber beide Behörden hatten Noahs Schäfchen recht schnell als das erkannt, was sie waren: harmlose Aufschneider, die sich gern ein bisschen im Licht des vermeintlichen Helden hatten sonnen wollen. Nachdem ihnen der Schreck gehörig in die Glieder gefahren war, wurden die Töne leiser und die Besuche der Ordnungsbehörden seltener.

    Noch immer dachte Noah, dass Seth besser nicht in die Nähe der Kirche kam, denn diese wurde aus unterschiedlichen Gründen immer wieder beobachtet. Aber er hielt das Risiko für überschaubar, ihn hier draußen „zufällig“ zu treffen.

    „Erzähl, wie es dir ergangen ist“, forderte er seinen Besuch nun auf, „du siehst nicht gut aus, du verzeihst, dass ich das so offen sage. Dennoch trägst du ein Lächeln im Gesicht, das dir sehr gut steht.“
    Auch Noah lächelte jetzt, als ob er Seth in seinen Lächel-Bemühungen unterstützen wolle. Und tatsächlich empfand er dieses Lächeln als so wertvoll, dass er alles getan hätte, was nötig war, um es nicht verblassen zu lassen.

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    #60270

    Annette
    Spieler

    Nein, dachte Magneto, das hätte sie tatsächlich nicht tun sollen. Andere, die vielleicht schlauer, wenn auch nicht klüger waren als sie, hätten vermutlich ein Geheimnis aus dieser Schwärmerei gemacht, wären losgezogen und hätten ihm glaubhaft versichert, dass der Gesuchte wie vom Erdboden verschluckt blieb. Das wäre nicht einmal so schwer zu glauben gewesen, denn in einer Stadt wie dieser zwei Männer zu suchen, glich der sprichwörtlichen Suche nach einer Nadel im Heuhaufen. Und es war nicht einmal sicher, dass die Beiden in der Stadt geblieben waren. Amerika war groß, die Welt noch viel größer.

    Marrow allerdings war nicht schlau, sondern ehrlich. Im Augenblick zumindest. Zuvor hatte sie gelogen, das hatte sie zugegeben. Aber erst, als sie Hilfe gebraucht hatte und sie ihre Lüge nicht länger aufrechterhalten konnte. Zuvor war sie Monate hier ein und ausgegangen, hatte mit der Lüge gelebt und das offensichtlich nicht schlecht.

    Für Magneto stellten sich zwei Fragen. Die erste würde er mit Mystique diskutieren, denn sie betraf die Überprüfung der Lebensgeschichten neu zur Brotherhood stoßender Mitglieder. Es ging nicht an, dass man ihnen hier alles auftischen konnte und monatelang damit durchkam. Die zweite Frage allerdings betraf das Mädchen, das er so schätzte und dennoch gezwungen wurde, so kritisch zu betrachten. Der Anführer der Brotherhood gedachte nicht, sie zu schonen, nur weil er sie sympathisch fand. Und das bedeutete, dass er zu einem ganz anderen Punkt als einer jugendlichen Liebe, Schwärmerei, was auch immer, zurückkommen musste.

    „Du warst nicht überrascht, als ich gerade eben von dem Verrat erzählt habe“, folgte er seinen Gedanken und setzte das Gespräch für seine Gesprächspartnerin ziemlich zusammenhangslos fort, „du sagst, du liebst diesen Jungen. Und du warst nicht überrascht… UND du sagst, du lügst nicht mehr. Ich frage mich, wann genau du mir mitteilen wolltest, was du wusstest.“

    Magneto ließ offen, was er glaubte, dass sie es gewusst hatte. Und im Detail, dachte er, war das vielleicht auch gar nicht so wichtig. Sie hatte etwas gewusst, irgendetwas. Und sie hätte ihm über jedes kleine Irgendetwas berichten müssen, wenn sie es ernst meinte mit ihrer Loyalität. Magneto glaubte nicht, dass sie am Verrat unmittelbar und aktiv beteiligt gewesen war. Ansonsten wäre sie mit den Männern verschwunden oder wäre bitter von ihnen enttäuscht, dass sie sie hiergelassen hatten und hätte sich gerächt. Sie aber sprach von Liebe und für Magneto klang es nicht so, als hätte man sich im Streit getrennt. War sie Mitwisserin, Mitläuferin oder hatte gar nur durch einen Zufall von den Machenschaften der beiden Männer erfahren? Egal, dachte der erfahrende Terrorist, in jedem Fall hätte sie zu ihm kommen müssen.

    „Ich frage mich“, fuhr Magneto scheinbar nachdenklich, aber mit harter Stimme fort, „wie oft du noch lügen und dir selbst dabei fadenscheinige Ausreden zurechtlegen wirst. Und wie oft du noch schweigen wirst, wenn du eigentlich reden müsstest, was dasselbe ist wie eine Lüge. Und wie oft du mir noch versichern wirst, dass du nicht mehr lügst, nachdem du gerade bei einer Lüge erwischt wurdest.“

    Kurz, er fragte sich, wie er Marrow jemals wieder vertrauen sollte. Sie stellte ihre Gefühle, ihre Bedürfnisse, das Wohl einzelner Menschen über die Ziele der Brotherhood. Magneto seufzte.

    „Bring mir die Beiden, dann sehen wir weiter.“

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    #60243

    Annette
    Spieler

    Na, also, dachte Magneto, wenigstens Marrow enttäuschte ihn nicht und zog, wenn auch nach einigem Nachdenken die richtigen Konsequenzen. Sie würde ihm Tech bringen und den Jungen dazu. Weil es nötig war, wie sie schmucklos erklärte. Magneto erinnerte sich, dass sie einmal ein Gespräch geführt hatten über das, was nötig war. Auch damals war es ums Töten gegangen und schon damals hatte das Mädchen erklärt, dass sie töten würde, wenn es nötig war.

    Nicht mehr und nicht weniger verlangte Magneto. Er fand es unbedingt nötig, dass sie für ihr Ziel töteten und nachdem Marrow ihm grundsätzlich gefolgt war, bestätigte sie ihre Einstellung nun auch in diesem konkreten, für sie so persönlichen Fall. Und Magneto wusste, dass jene unter den Brotherhoodlern die zuverlässigsten, konsequentesten und ausdauerndsten Kämpfer wurden, die die Dinge erledigten, weil sie notwendig waren. Diejenigen, die sich lustvoll dem Töten hingaben, waren hingegen häufig wankelmütige Gesellen, die den einen Spielplatz nur zu gern gegen den anderen tauschten, wenn dieser den größeren Kick versprach. Sie waren schwerer zu führen und brauchten ab und zu eine deutliche Demonstration seiner Macht, die sie überzeugte, dass man Magneto lieber nicht zum Feind haben wollte und sich daher mit dem verfügbaren Spielplatz begnügte. Marrow aber brauchte so etwas nicht. Noch war sie eine Zweiflerin, aber sie gebrauchte ihren Kopf, dachte nach und erkannte, was nötig war.

    Gleich darauf schmunzelte der alte Mann, als sie fragte, ob sie sich Helfer suchen dürfe.
    „Marrow, Liebes, das ist kein Fernsehquiz und keine Prüfung. Du musst dich nicht beweisen. Allein das Ergebnis zählt. Es gibt hier eine Menge Leute, die eine Mordswut auf Tech haben und noch mehr, die ihn hassen oder verachten. Ich wette, es wird nicht schwer sein, Helfer zu finden.“
    Magnetos Lächeln verging, bevor er weitersprach.
    „Wie du sie davon überzeugst, dass sie die Finger von dem Jungen lassen, ist allerdings deine Sache. Kommt er durch deine Helfer zu Schaden, werde ich niemanden dafür zur Rechenschaft ziehen.“

    #60217

    Annette
    Spieler

    Magneto spürte, dass es unter der dünnen Decke äußerlicher Gelassenheit noch gehörig in ihm brodelte. Es war kein guter Zeitpunkt, seine Geduld über Gebühr zu strapazieren und es war kein guter Zeitpunkt mit ihm zu feilschen wie ein Marktweib. Allmählich hatte der Magnetokrat den Eindruck, als hätte Marrow die Reichweite des Verrats und in diesem Zuge die Dimension seines Entgegenkommens gar nicht so recht begriffen. Wenn man ehrlich war, hatten beide Verräter ihr Leben ohne Wenn und Aber verwirkt und wenn man es noch genauer nahm, dann musste man sich fragen, warum das Mädchen, das ihm gegenüber saß, diesen Verrat nicht verhindert oder ihren Anführer nicht zumindest so rechtzeitig informiert hatte, dass die Verräter nicht hätten entkommen können. Nun, das „Warum“ hatte sie ihm erklärt, blieb die Tatsache, dass auch sie sich schuldig gemacht hatte.

    Das aber schien ihr entweder nicht bewusst zu sein oder sie hatte es elegant beiseite geschoben um, -das musste man ihr lassen-, in bewundernswert mutiger Weise die Unterhändlerin zu spielen.

    „Ich dachte, ich hätte mich klar ausgedrückt“, antwortete Magneto schließlich deutlich kühler, wobei ein Hauch Gereiztheit in seinem Tonfall mitschwang, „du bringst sie her, Tech wird sterben, Julian wird leben. Wenn er etwas aus dieser Chance machen kann, wird er ein Mitglied unserer Familie sein, so wie du und ich.“
    Natürlich nicht ganz so wie Magneto selbst, aber dieser ging davon aus, dass Marrow verstand, was er meinte.

    Und dann brachte das Mädchen sein Herz doch beinahe wieder zum Schmelzen, als sie so offen und unverstellt, wie es typisch für sie war, zugab, dass sie nicht wusste, was richtig war. Magneto verstand durchaus, dass es nicht einfach war, jemanden, den man persönlich kannte und vielleicht sogar auch schätzte, ans Messer zu liefern und ganz persönlich für dessen Tod verantwortlich zu sein. Und noch schwieriger wurde es, wenn ausgerechnet der Junge, in den man sich verliebt hatte, diesem Jemand folgte, unter Umständen auch bis in den Tod. Aber diese Last konnte und wollte Magneto ihr nicht abnehmen. Sie würde daran zerbrechen oder sie würde daran wachsen. Solche und ähnliche Prüfungen hatten sie alle hinter sich, die es weit gebracht hatten. Die Entscheidungen, die sie in einer solchen Situation getroffen hatten, waren prägend für ihr ganzes Leben gewesen. Entweder würde Marrow eine große Kämpferin werden oder sie würde vor sich selbst davonlaufen, um einem Jungen zu folgen, der die falschen Prioritäten setzte.

    Magneto seufzte.
    „Frag dich einfach, wie oft du noch verraten werden willst. Dann wirst du herausfinden, was richtig ist“, erklärte er schließlich mit harter Stimme.

    Es ging hier nicht um das Schicksal eines kleinen Mädchens. Es ging um etwas Größeres, um die Neuordnung der Welt, darum, dass kein Homo Superior mehr Unterdrückung leiden musste. Es wäre zentral gewesen, das Zentrum der menschlichen Macht zu zerstören und damit die derzeitige Weltordnung in ihren Grundfesten zu erschüttern. Der Anschlag auf das Kapitol war die wichtigste und gleichzeitig genialste Aktion gewesen, die die Bruderschaft seit langer, langer Zeit geplant hatte. Psylockes ganze Raffinesse steckte in dem Plan, der die Brotherhood ihrem Ziel einen riesigen Schritt nähergebracht hätte. In das entstandene Machtvakuum hätte man mit Leichtigkeit nachstoßen und endlich Tatsachen schaffen können. Stattdessen triumphierte der Feind und gab die Brotherhood und mit ihr alle mutantischen Kämpfer der Lächerlichkeit preis. Und das alles wegen eines Verrats aus den eigenen Reihen…

    Magneto bemerkte, wie seine Wut ins Unermessliche stieg. Wenn er Tech je wieder zu Gesicht bekommen würde…

    Das Mädchen allerdings dachte nicht unbedingt in politischen Dimensionen, das war auch dem alten Mann schon aufgefallen, und so war es vielleicht am besten, wenn sie den Maßstab ihres eigenen Lebens anlegte. Das Ergebnis würde dasselbe sein. Wie oft wollte sie noch verraten werden?

    • Diese Antwort wurde vor vor 5 years, 9 months von Annette bearbeitet.
    #60210

    Annette
    Spieler

    Magneto betrachtete das Mädchen, das nicht zurückruderte, sondern im Angesicht des mächtigsten Mutanten auf Erden, als den er sich unbescheidener Weise selbst betrachtete, furchtlos eine flammende Rede hielt. Zum wiederholten Male beeindruckte sie den alten Mann und er dachte, dass es in der Tat extrem schade wäre sie zu verlieren.

    Und grundsätzlich neigte ja auch er dazu, eher Tech als die treibende Kraft hinter jedem Verrat zu sehen. Deswegen war er ja so verwundert gewesen, dass Marrow sich auf Julian gestürzt hatte, als sei dieser die tonangebende Figur in diesem Spiel. Tech zu bringen war ein verlockendes Angebot, fand Magneto. Ihn gleich selbst zu töten ein noch besseres, denn dann bekäme der gewitzte Technokrat nicht wieder die Möglichkeit, ihn in einem charmant ausgeworfenen Netz aus Lug und Betrug zu fangen. Aber war er, Magneto, es sich nicht schuldig, den Mann, der ihn persönlich so gedemütigt hatte, selbst zu töten? Ja, dachte er, das war er wohl und er konnte den Verräter ja knebeln, so dass das süße Gift nicht immerzu aus seinem Mund troff.

    Und der Junge… ein armes Opfer, das, genau wie er, auf den Falschen hereingefallen war? In diesem Punkt konnte Magneto dem Mädchen nicht zustimmen. Ja, vermutlich war Julian O’Neil formbar wie jeder Teenager, aber er hatte doch auch seinen eigenen Kopf und konnte diesen durchaus zielgerichtet einsetzen. Der alte Mann dachte an den Sommer, als er den Jungen kennengelernt hatte. Unterschätzt hatte er dieses Milchgesicht und hatte dafür mit einer verbalen Demütigung bezahlt, als er sich von einem Achtzehnjährigen hatte vorführen lassen. Damals hatte kein Tech daneben gesessen, der dem Jüngeren die Antworten eingegeben hatte. Und im Januar, als Julian in seiner allerersten Mission nach Guantanamo geschickt worden war…, auch da war der Anführer der Brotherhood beeindruckt gewesen, denn der Junge hatte es gut gemacht und sich auch von der doch eher schwierigen Blink nicht aus dem Konzept bringen lassen. Magneto hatte bei sich gedacht, dass der Junge, wenn er auch für den blutigen Kampf in vorderster Front nicht taugte, durchaus ein Kandidat für die kniffligen Aufgaben war, denn wo andere sich ausschließlich auf ihre Mutation verließen, gebrauchte dieser auch seinen Verstand.

    Diese eher schmeichelhafte Analyse von Julians Fähigkeiten führte dazu, dass Magneto ihn nicht als das Opfer sehen konnte, das Marrow ihm vorführte. Allerdings glaubte auch er, dass der Junge sich möglicherweise besinnen würde, wenn der bewunderte Freund und Antreiber nicht mehr da war und ihm verräterische Ideen in den Kopf setzte. Seinen Frieden, dachte Magneto weiter, würde der Junge allerdings wohl nicht unbedingt finden, wenn das Mädchen, das ihn liebte, seinen besten Freund auslieferte. Aber Zorn und Hass waren sowieso viel motivierender als die Trägheit, die ein zufriedenes Leben mit sich brachte.

    „Du beeindruckst mich“, antwortete Magneto schließlich schlicht, „und deswegen werde ich dir einen Kompromiss vorschlagen. Und dieser ist nicht verhandelbar. Du nimmst ihn an oder du gehst, bis du dich besonnen hast.“

    Der Magnetokrat sah das Mädchen scharf an, aber sie saß still, um nicht zu sagen starr, da und schien erst einmal abzuwarten, was jetzt kam.
    „Du bringst mir beide. Tech wird sterben. Er hat sein Leben mehr als einmal verwirkt. Julian darf leben. Hier bei uns. Es liegt in seiner Hand, was er daraus macht. Ich kann nicht zulassen, dass er da draußen herumturnt und mit seiner bloßen Existenz dein Herz und deinen Verstand aufweicht. Wenn du diesen Kampf hier führen willst, dann brauchst du beides. Sieh also zu, dass der Junge hierherkommt und sich uns wieder anschließt. Ich bürge dafür, dass ihm nichts passiert.“

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